St. Bonifatius Wiesbaden

Fronleichnam

Theologie SpiritualitätBenjamin Dahlhoff

Fronleichnamsprozession in Wiesbaden. Foto: 2013 Benjamin Dahlhoff

Einmal im Jahr versammeln sich zahlreiche Katholiken in Wiesbaden und tragen „ihren Schatz“ durch die Straßen.

Wenn das Wetter es zulässt, werden die Wiesbadener Katholiken am 19. Juni auf dem Schlossplatz das Fronleichnamsfest feiern. In den frühen Morgenstunden bauen freiwillige Helfer den Altar und die Bänke auf, bringen Blumengestecke, Mikrofone  und liturgisches Gerät auf den Schlossplatz, während im Pfarrhof von St. Bonifatius schon alles gerichtet wird für den Mittagsimbiss. Viele übernehmen eine Aufgabe und die damit verbundene Verantwortung, damit der Gottesdienst und die anschließende Prozession angemessen und feierlich verlaufen. So ein Gottesdienst im Freien mit über tausend Menschen erfordert eben eine entsprechende Organisation. 

Was feiern wir eigentlich an Fronleichnam ?

Fronleichnam bedeutet im althochdeutschen „Leib des Herrn“.  Am Abend vor seinem Leiden und Sterben nahm Jesus Brot und sagte „Nehmet und esset alle davon: das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis“. Seit diesem „letzten Abendmahl“  feiern Christen ihre Verbindung  mit Jesus Christus, indem sie miteinander dieses Brot essen, in dem er selber zugegen ist. Sie feiern es als Geschenk Gottes und als Geheimnis. 
Wenn auch in jeder Messe der „Leib des Herrn“  verehrt wird, so gibt es im Lauf des Jahres einige Feste, an denen dies hervorgehoben wird. Am Gründonnerstag werden die Gläubigen hineingenommen in das Geschehen in Jerusalem, die Nacht vor Jesu Tod. Es ist eine dichte und fast intime Atmosphäre, wenn an diesem Abend der Abendmahlsbericht gelesen wird und nach der Kommunion die Hostien aus der Kirche getragen werden. Der Tabernakel bleibt leer…
Die Erstkommunionfeiern in der Osterzeit haben einen ganz anderen Charakter. Der Grund für die festlich geschmückte Kirche, den feierlichen Gottesdienst ist das „Brot des Lebens“, das junge Christen zum ersten Mal empfangen. 

Das Fronleichnamsfest bringt eine weitere Facette ans Licht: Der Gottesdienst wird im Freien gefeiert, danach ziehen die Gläubigen feierlich mit dem Leib des Herrn  durch die Straßen. In der Bonifatiuskirche erhalten alle den „eucharistischen Segen“. Es ist heute nicht selbstverständlich, über den persönlichen Glauben zu sprechen und in der Öffentlichkeit kundzutun, dass man dazu gehört. 

Die Reaktionen mancher Passanten zeigen, dass diese Form der Glaubenskundgebung für sie eine fremde Welt ist, die nicht mehr in die heutige Welt passt. Für Glaubende gibt es dennoch einige Gründe, dabei zu sein: Vielleicht gehört dieses Fest zu meiner Geschichte, verbindet mich mit meiner Kindheit und Jugend, mit der Tradition meiner Heimatgemeinde, in der blumengeschmückte Häuser und Altäre so feierlich und schön waren. Beim Gottesdienst spüre ich: wir sind doch viele …wir sind verbunden. Mir gefällt, dass an Fronleichnam die Christen anderer Muttersprachen dabei sind und Christsein so vielfältig ist. Glaube und Alltag gehört für mich zusammen. Deshalb tut es gut, diesen Gottesdienst an einem öffentlichen Platz  zu feiern. In vielen Ländern werden Christen verfolgt. Wir haben hier das Privileg, öffentlich unseren Glauben bekennen zu können. Das möchte ich unterstützen.

Jesus wollte  „Brot für alle sein“, deshalb zeigen wir ihn außerhalb der Kirchen. Die Prozession macht deutlich, dass wir immer auf dem Weg sind und Jesus mit uns geht. Sie können die Aussagen sicher ergänzen oder mit Ihrem „Warum ich mitgehe“ antworten. 

Eine Deutung der Fronleichnamsprozession gefällt mir besonders: Wenn wir uns nach der Eucharistiefeier auf den Weg machen, tragen wir Jesus nicht ausschließlich in der goldenen Monstranz in unserer Mitte. Jede und jeder von uns trägt Jesus in sich, in seinem Leib, in seinem Geist. 

Der folgende Liedtext stammt aus dem englischen Liedgut: 

Wir tragen einen Schatz,    
der nicht aus Gold gefertigt ist, 
in irdenen Gefäßen *
nur einen Schatz, Jesus Christus, 
in irdenen Gefäßen 

*Die „irdenen Gefäße“ weisen hin auf die biblische Schöpfungsgeschichte, nach der Gott den Menschen aus Erde geformt hat. 

Wenn wir an Fronleichnam zusammenkommen und betend und singend miteinanander unterwegs sind, dann wird Jesus sichtbar im eucharistischen Brot und in tausend Gesichtern. 

Marion Lindemann