St. Bonifatius Wiesbaden

Theologie Spiritualität

Ein Leben aus Verbundenheit mit Gott

Gemeindebrief, Theologie SpiritualitätPhilippe Jaeck

Das Leben mit Gott am Beispiel der heiligen Katharina von Siena

Es gibt Menschen, die Gott auserwählt hat, um uns über sein göttliches Wesen und seine Erlösungstat zu erzählen. Eine von ihnen ist die heilige Katharina von Siena (1374 bis 1380), Dominikanerin und Mystikerin.

Blick auf die Kirche St. Dominikus in Siena

Gott schenkte Katharina seine besondere Nähe. Bereits als siebenjähriges Kind hatte Katharina ihre erste Vision, ihre erste mystische Christusbegegnung. Als Katharina mit ihrem Bruder Stefano in ihrer Geburtsstadt Siena unterwegs war, schaute sie zur Kirche der Dominikaner und sah über dem Dach ein herrliches Zelt schweben. In seinem Inneren hatte sich der Erlöser der Welt, der Herr Jesus Christus, auf kaiserlichem Thron niedergelassen. Bei ihm waren die Apostelfürsten Petrus und Paulus und der allerseligste Evangelist Johannes. Katharina blieb fasziniert stehen und staunte. Jesus schaute sie an, lächelte ihr liebevoll zu und segnete sie.

Jesus schenkt Katharina sein Herz (Darstellung im Eingangstor zum Geburtshaus der hl. Katharina)

Seit dieser Gnadenstunde beschloss Katharina, ihr Leben ganz Gott zu weihen. Katharina widersetzte sich dem Wunsch ihrer Eltern zu heiraten und wurde Mantellatin – Bußschwester des heiligen Dominikus, die in der Welt lebte.

Katharina hatte in ihrem Leben noch mehrere Visionen. In einer davon erschien ihr Jesus, öffnete ihre linke Seite, nahm ihr Herz heraus und nahm es mit sich. Einige Tage später kehrte Christus zurück und setzte ihr sein eigenes Herz in die Brust. Diese Vision erinnert an die Worte des Propheten Hesekiel, die Gott zum Haus Israel sagt: “Ich gebe euch ein neues Herz und einen neuen Geist gebe ich in euer Inneres. Ich beseitige das Herz von Stein aus eurem Fleisch und gebe euch ein Herz von Fleisch.” (Hesekiel 36,26)

Die „innere Zelle“

Weil Katharina, damals als zwölfjähriges Mädchen, nicht heiraten wollte, setzten ihre Eltern sie unter Druck. Katharina wurde wie eine Magd behandelt, die viel in der Küche arbeiten und die Familienmitglieder bedienen musste, so dass kaum Zeit für das Gebet in Stille übrig blieb. In dieser Lebenssituation entdeckte Katharina die „innere Zelle“. Der Heilige Geist lehrte sie, in ihrem Geiste eine stille Kammer einzurichten, die sie niemals wegen einer äußeren Arbeit verlassen solle. Die Mißachtung und Erniedrigung durch ihre Familie deutete Katharina im Glauben positiv um. Sie erzählte später ihrem Beichtvater Raimund von Capua, sie hätte sich lebhaft vorgestellt, dass ihr Vater der Erlöser selbst, unser Herr Jesus Christus sei ihre Mutter Maria, ihre Brüder und die anderen Hausbewohner die heiligen Apostel und die Jünger. Versetzte sie sich tief in diesen Gedanken, so bediente sie natürlich alle gern mit allergrößter Sorgfalt.

Diese innere Zelle wurde später für Katharina der Ort, wo sie im Gebet Gott kennenlernte.

Gekreuzigter Jesus Christus als Brücke zwischen Himmel und Erde

Altarbild in der Kapelle im Geburtshaus der Heiligen Katharina in Siena: Katharina im Gespräch mit dem Gekreuzigten

Katharinas intensive Gottesbeziehung äußerte sich in Gesprächen mit ihm. Katharina diktierte diese Gespräche (sie selbst war Analphabetin) und sie sind zusammengefasst in ihrem Werk „Dialog“.

In einem der Gespräche erzählte der Ewige Gott Katharina von seinem gekreuzigten Sohn Jesus Christus, der als wahrer Gott und wahrer Mensch die Brücke zwischen Himmel und Erde ist. Diese Brücke hat drei Stufen, die den drei Zuständen der Seele entsprechen.

Die erste Stufe sind die durchbohrten Füße Jesu. Wie die Füße den Körper tragen, so trägt Sehnsucht die Seele. Auf dieser Stufe verlässt der Mensch seine Ichbezogenheit und macht sich auf den Weg der Nachfolge, der auch immer ein Weg in die Welt und zu den Menschen ist. Der Mensch geht in eine lebendige Beziehung mit Jesus ein und erfährt seine Liebe.

Die zweite Stufe ist das geöffnete Herz Christi. Hier zeigt sich die unendliche Liebe Gottes. Durch den Anblick der Liebe Gottes erfüllt sich auch das Innere des Menschen ganz mit Liebe. Der Mensch will Gott anhängen ausschließlich um der Liebe willen und nicht wegen Trostes oder Genusses, der daraus kommen kann.

Die dritte Stufe ist der Mund Christi. Mit dem Mund Christi wird Gott das wahre, ununterbrochene Gebet dargebracht. Der Mund verkündet, mahnt, rät und legt Zeugnis ab. Die vollkommene Seele ist so glücklich, dass keine Beleidigung zu ihr gelangen kann.

Auf dieser Stufe erfährt die Seele Ruhe.

Der Höhepunkt mystischer Vereinigung mit Gott ist für Katharina dann erreicht, wenn der Betende ganz in die Gesinnung Jesu eingetaucht ist und mit ihm den unendlichen „Hunger und Durst nach dem Heil der Seelen“ teilt.

Contemplari et contemplata aliis tradere

Contemplari et contemplata aliis tradere (sich der Kontemplation widmen und die Frucht der Kontemplation weitergeben) – in diesem Satz hat der Heilige Thomas von Aquin das Leben im Predigerorden zusammengefasst. In diesem Sinne war die heilige Katharina von Siena eine echte Dominikanerin. Sie hat die Früchte ihrer intensiven Gottesbeziehung reichlich weitergegeben. Sie pflegte die Pestkranken und war Friedensstifterin. Katharina bemühte sich um die Einheit der Kirche in der Zeit des Schisma. Sie schrieb viele Briefe an Päpste, Könige und Geistliche und forderte die Erneuerung der Kirche.

Katharina starb im Alter von 33 Jahren. Kurz vor ihrem Tod sagte sie: „Wenn ich sterbe, ist die einzige Ursache meines Todes die Liebe zur Kirche“.

1970 wurde Katharina von Siena zur Kirchenlehrerin erhoben.

Was sagt Katharina von Siena uns heute

Denkmal für hl. Katharina auf einer Straßenkreuzung in Siena

Ich finde, dass Katharina von Siena uns heute sehr viel sagt. Für mich sind folgende Botschaften wichtig:

  • Gott schaut uns mit einem liebenden Blick an und schenkt uns seinen Segen

  • Gott will unsere Herzen mit seiner Liebe füllen

  • Wir können in uns eine „innere Zelle“ einrichten, wo wir im Alltag einkehren, um Gott zu begegnen

  • Jesus Christus führt uns zu vollkommener Liebe, zur Vereinigung mit Gott

  • Verbundenheit mit Gott drängt uns, im Sinne Gottes in der Welt aktiv zu werden, je nach unseren Fähigkeiten

  • Die Kirche muss erneuert werden

In dieser Fastenzeit möchte ich in der Liebe Gottes wachsen und auf die Stufen der Brücke, die Jesus am Kreuz darstellt, klettern. Und wenn ich in meine Ichbezogenheit zurückfalle, dann mache ich mich wieder auf den Weg der Liebe. Und ich bin gewiss, dass Gott mich liebevoll anschaut und mir seinen Segen schenkt.

Ich wünsche eine gesegnete Fastenzeit!

Sr. Katrina Dzene, Gemeindereferentin
Fotos: Sr. Katrina Dzene