Wenn mein Blick bei einer Beerdigung in das ausgeschaufelte Grab fällt und die sterblichen Überreste des Verstorbenen der Erde übergeben werden, muss ich oft an das 14. Kapitel im Johannesevangelium denken und an die Worte des Thomas. Thomas wendet sich da verzweifelt an Jesus, der seinen Heimgang zum Vater ankündigt:
„Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir dann den Weg kennen?“ (Joh 14,5).
Drückt diese Verzweiflung des Thomas, der mit dem bevorstehenden Verlust seines Meisters konfrontiert wird, nicht auch die Ratlosigkeit und zuweilen Hoffnungslosigkeit des modernen Menschen aus angesichts des Todes? Ist das alles, was wir beim Blick hinunter ins Grab unseren Toten noch zu sagen haben? Nämlich: Wir wissen nicht, wohin du gehst? Wir wissen nicht, was mit dir nun geschieht? Wir wissen nicht, was aus dir und deinem Leben wird? War vielleicht alles umsonst? Dein Lieben? Deine Treue? Dein Ringen? Deine Tränen? Dein guter Wille? Was ist mit all dem? Passiert überhaupt etwas mit all dem und mit dir? Oder ist jetzt alles aus und vorbei?
Für gläubige Christen bleiben diese bedrückenden Fragen nicht unbeantwortet. Zwar liefert das Christentum keine detaillierten Jenseitsszenarien, doch beantwortet es klar die Frage nach dem Wohin unserer Toten. In der Stunde des Todes tritt der Mensch endgültig vor Gott. Der Mensch begegnet seinem Schöpfer. Diese Begegnung allerdings wird ihm zum Gericht. Davon spricht der Allerseelentag, den wir jedes Jahr am 2. November begehen.
Während die Seligen und Heiligen, die wir am Tag zuvor feiern, bereits ungetrübte Gemeinschaft mit Gott genießen, müssen jene, für die wir am Allerseelentag beten, für diese Gemeinschaft mit Gott noch vorbereitet werden, muss noch alles aus dem Weg geschafft werden, was von Seiten des Menschen diese Gemeinschaft unvollkommen machen könnte.
Darum haben die alten Lieder und Texte des Allerseelentages zunächst etwas Beklemmendes. Dieser Tag will uns wachrütteln: Bei Gott gibt es am Ende kein billiges „Schwamm drüber“. Gott nimmt unser gelebtes Leben ernst. Er nimmt uns ernst als freie Wesen. Freiheit hat aber den Preis, dass sie auch zum Tun des Bösen genutzt werden kann. Und wer von uns könnte schon behaupten, mit der gottgeschenkten Freiheit immer vorbildlich umgegangen zu sein? Bei allem Wissen um unsere menschliche Fehlbarkeit mutet Gott uns jedoch zu, Verantwortung für unser Leben zu übernehmen, uns der Wahrheit über uns und unser Leben zu stellen.
Wie werden wir dieser Wahrheit über unser Leben gewahr? Durch den Blick Christi. Die Begegnung mit dem lebendigen Gott verläuft nicht so, dass uns wie in einer Anklageschrift Punkt für Punkt unser Fehlverhalten um die Ohren gehauen wird. Nein, die Begegnung mit Gott wird uns deswegen zum offenbarenden Gericht, weil Christus uns liebevoll anblickt und weil sein Blick durch und durch geht und uns mit einem Mal die Erkenntnis über uns und unser Leben schenkt. In welchen Bereichen habe ich mich verrannt? Wo habe ich anderen Leid zugefügt, bewusst oder unbewusst? Hinter welchen Masken habe ich mich versteckt? Welche Rollen habe ich mir selbst und anderen vorgespielt? Die Erkenntnis geht noch tiefer: Wer hätte ich sein können in den Augen Gottes und wer war ich in Wirklichkeit? Aber auch: Wo bin ich ein Segen gewesen – für meine Mitmenschen und zur Ehre Gottes?
Wer schon einmal einem ganz liebenden und ganz gütigen Menschen begegnet ist, kann nachempfinden, was hier passiert: Im Zusammensein mit diesem Menschen geht mir meine eigene Erbärmlichkeit, meine eigene Herzensenge auf und die Erkenntnis der Irrwege, die ich gegangen bin, erweckt in mir Reue und Scham.
In einem Hymnus wird das schön ausgedrückt:
„Herr, wenn wir fallen, sieh uns an und heile uns durch deinen Blick. Dein Blick löscht Fehl und Sünde aus, in Tränen löst sich unsre Schuld.“
Ja, die vollumfängliche Erkenntnis meines Lebens und meiner selbst kann schmerzlich sein. Der Blick des sündigen Menschen in das Angesicht Christi hat ein schmerzliches Moment. Nach dem Sündenfall brachten es Adam und Eva nicht mehr fertig, Gott unter die Augen zu treten, sie haben sich vor Gott versteckt (vgl. Gen 3,8).
Der Allerseelentag sagt uns jetzt: In der Sterbestunde ist dieser Blickkontakt unausweichlich. Aber letztlich ist dieser Blick nicht zu unserem Schaden, vorausgesetzt, wir setzen uns ihm aus und sind dazu bereit, der Wahrheit unseres Lebens ins Auge zu sehen. Nur durch diesen intimen Blick der Güte und der Liebe nämlich kann Gott in uns heilen, was verkehrt und verwundet ist. Christi Blick ist kein vernichtender Blick, keiner von der Sorte: wenn Blicke töten könnten. Christi Blick richtet auf, erneuert, verwandelt.
Der November und besonders der Allerseelentag laden uns ein, für unsere Toten zu beten. Dass sie den liebevollen Blickkontakt mit Christus zulassen. Und so im Licht des Angesichtes Christi zu ihrem ewigen Heil finden und Gemeinschaft haben mit Gott, die ungetrübt ist.
Diakon Lukas Kämpflein
Bild: Volkmar Kühn (Skulptur) / Peter Weidemann (Foto)