St. Bonifatius Wiesbaden

Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen…

GemeindebriefPhilippe Jaeck

Es war der zweite Advent 1998. In Braunfels war der Christnikelsmarkt. In der Sakristei von St. Anna wartete ich auf die Einführung als Pfarrer. Es war geschäftiges Treiben. Ministranten liefen durch zur Ministranten Sakristei, ohne den Neuen zu beachten. Doch dann kam einer der Ministranten zuerst auf ihn zu: „Ich bin T…, herzlich Willkommen!“

Er war damals auch für die Jugendkasse zuständig. Er war ja bei der Sparkasse. Auch dort war er mit seiner offenen, freundlichen Art bei den Kunden sehr beliebt. Seinen Bruder kannte ich schon seit meiner Zeit als Jugendpfarrer im Bezirk Wetzlar.

Ein paar Jahre später.

Ich war an dem Tag unterwegs. Ich kam zurück ins Pfarrhaus. Im Gruppenraum traf sich der Kindergottesdienstkreis, den ich bei meiner Rückkehr begrüßte. Vielleicht hätte ich den Anrufbeantworter (es war noch in der „Vor-Handy-Zeit“) an diesem Abend gar nicht abgehört. Ich wollte im PC noch etwas nachschauen und sah den AB blinken. Ich hörte die Nachricht der völlig verzweifelten Mutter: „Unser T… ist tot!“ Ich bin sofort zur Familie. Die Eltern hatten ihren ermordeten Sohn in seiner gerade erst bezogenen Wohnung in Wetzlar gefunden. Später stellte sich heraus, dass ein „Freund“ ihn wohl nur deshalb getötet hätte, weil T… ihm kein Alibi geben wollte. So richtig ist aber das Motiv im Prozess nicht zu Tage gekommen.

Ein schwerer Tag, als ich diesen so sympathischen jungen Mann beerdigen musste. So voll war die doch recht große St. Anna Kirche nie.

Ich wusste nicht, ob ich die richtigen Worte finden konnte.Später erfuhr ich, es muss wohl so gewesen sein. Mir ist noch gut in Erinnerung, wie bewegend es war, da nicht die Friedhofsbediensteten, sondern seine Alterskollegen den Sarg trugen.

Danach lag ich erstmal richtig flach ...

„Wir verkünden nämlich nicht uns selbst, sondern Jesus Christus als den Herrn, uns aber als eure Knechte um Jesu willen. Denn Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht aufleuchten!, er ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit aufstrahlt die Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi. Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen; so wird deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt. Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen; wir werden niedergestreckt und doch nicht vernichtet. Immer tragen wir das Todesleiden Jesu an unserem Leib, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib sichtbar wird.“

(2 Korinther, 4, 5-10)

Diese Worte des Hl. Paulus hatten wir uns vor 40 Jahren gemeinsam mit Bischof Kamphaus für unsere Priesterweihe ausgesucht. Es war eine glückliche Wahl. Ja, wir tragen diesen Schatz in zerbrechlichen Gefäßen. Wie zerbrechlich, das habe ich damals sehr schmerzhaft gespürt. Immer wieder stoßen wir an unsere Grenzen. Immer wieder bleibt mir die Botschaft vom Leben im Hals stecken, weil ich nur Leid und Tod sehe. Mein Glaube wird immer wieder auf die Probe gestellt. Wir tragen diesen Schatz in zerbrechlichen Gefäßen…

Gerade deshalb ist mir dieser gar nicht so ungläubige Thomas, der Zwilling von Zweifel und Glaube, so nah. Er ist mir Vorbild mit seinem Bekenntnis: „Mein Herr und mein Gott“, dem Übermaß der Kraft, die eben von Gott und nicht von mir kommt, zu trauen.

Pfarrer Matthias Ohlig
Bilder: St. Bonifatius Wiesbaden, Pfarrer Matthias Ohlig
Hans-Willi Thomas - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9040742