Es ist schon einige Jahre her, dass ich mir eine CD des Duos, das in den 80/90er Jahren als „Zupfgeigenhansel“ bekannt war, mit Liedern zu Advent und Weihnachten gekauft habe. In dieser Liedersammlung ist auch die deutsche Fassung eines Chansons von Georges Moustaki über den Hl. Josef. Moustaki spricht darin direkt diesen Menschen an, der eher im Hintergrund, im Schatten bleibt.
Sag, Josef, wie du dazu kamst,
dass du zum Weib Maria nahmst
in Galiläa wird erzählt
du hast die Schönste dir erwähltMein Josef, heute wärst du mehr
wenn deine Frau Deborah wär
so vieles wäre nicht geschehn
Du hast Maria ausersehnDu, Josef littest keine Not
ein Zimmermann verdient sein Brot
Du musstest mit Maria ziehen
Und mit ihr nach Ägypten fliehnMein Josef, mal dir einmal aus
von Kindern wäre voll dein Haus
Dein Handwerk lernte jeder Sohn
wie du bei deinem Vater schonMein Josef, was ich nicht versteh
wie kam das Kind auf die Idee?
Die seltsamen anderen danach
Marias Herz beinah zerbrachMein Josef, wenn man dich belacht
dann habe ich schon oft gedacht
Du wolltest weiter nichts, o nein, -
als mit Maria glücklich seinGeorges Moustaki, Übersetzung Walter Brandin
„Du wolltest weiter nichts, … als mit Maria glücklich sein.“ Diese ganz menschliche Sicht des Chansonniers auf den Heiligen motivierte mich sehr, mir Josef genauer anzuschauen, ihn aus dem Schatten zu holen. Es war eine spannende Entdeckungsreise. Ich habe eine interessante Gestalt mit vielen Facetten gefunden.
Sohn Davids
Josef spielt nur in zwei der Evangelien überhaupt eine Rolle. Nur bei Matthäus und Lukas wird er wirklich wahrgenommen. Hauptsächlich, weil nur diese beiden an der Zeit vor dem öffentlichen Auftreten Jesu interessiert sind. Ihnen ist es zuerst einmal wichtig klarzustellen, dass Jesus der Christus, der Messias ist. Dieser Christus muss aus dem Stamm des David kommen! Sowohl Matthäus und auch Lukas betonen, dass Jesus durch das Wirken des Heiligen Geistes empfangen wurde. Die Linie zu David wird über Josef hergestellt, denn es zählt nur die männliche Linie. Ein Stammbaum soll das absichern. Doch beide Stammbäume unterscheiden sich deutlich. Doch wichtig ist halt der Titel Jesu: „Sohn Davids“, weil Josef ja aus dem „Haus und Geschlecht Davids“ ist!
Der Gerechte
Während Lukas sich stark auf Maria bei der Geburt Jesu fokussiert, steht bei Matthäus Josef im Mittelpunkt. Er bezeichnet ihn als Gerechten. Das bedeutet im Bewusstsein seiner Zeit, Josef lebt nach der Thora (Gesetz), hält sich an die Gebote und Regeln. Er betont es gerade beim Umgang mit der Verlobten Maria. Doch da verhält er sich der öffentlichen Meinung nach gar nicht so, wie es verlangt wird. Er will sich still und leise trennen und gerade nicht, wie es üblich ist, öffentlich! Er verweigert den gewünschten Skandal. Darin zeigt sich aber, dass seine Gerechtigkeit nicht im Äußeren liegt. Er spürt schon, dass wirkliche Gerechtigkeit vor Gott tiefer geht als die formale Befolgung der Regeln. Darum kann er Gottes Gerechtigkeit gegen alle üblichen Gepflogenheiten leben und zu seiner Verlobten stehen.
Der Träumer
Josef steht, genauso wie sein Namensvetter im Alten Testament, dass Träume nicht Schäume sind, wie das Sprichwort behauptet. Im Traum begegnet ihm eine andere Realität, aber eben doch eine Realität. Im Traum erkennt er diese andere Gerechtigkeit. Träume bringen ihn zum Handeln. Übrigens bringt der Evangelist die beiden Josefs bei der Flucht nach Ägypten in Verbindung.
Der (Nähr-)Vater
Josef übernimmt Verantwortung! Er erweist sich in diesem Sinn als wirklicher Vater. Er steht zur schwangeren Verlobten. Er kümmert sich um die Familie, bringt sie in Sicherheit. Er steht zum Sohn, auch wenn er ihm ins Gesicht sagt, nachdem er im Tempel wiedergefunden wird, dass er ja doch nicht sein Vater ist.
Der Handwerker
Josef steht mitten im Leben. Er ist Handwerker. Das wird im Matthäusevangelium aber nur beiläufig erwähnt. Die Ablehnung Jesu in seiner Heimatstadt äußert sich in der Bemerkung: „Ist das nicht der Sohn des Handwerkers?” (Matthäus 13,55) Das griechische Wort „τέκτων” tekton bedeutet Handwerker, Bauhandwerker, auch Architekt, Baumeister. Traditionell wird dieses Wort, auf Grund einer außerbiblischen Quelle, mit Zimmermann übersetzt.
Der Mann im Schatten
Irgendwie verschwindet Josef nach Beginn des öffentlichen Auftretens Jesu auch bei Matthäus und Lukas in der Versenkung. Deshalb hat sich die Tradition gebildet, sich Josef, schon bei der Geburt Jesu, als alten Mann vorzustellen. Er soll zur Zeit der Taufe Jesu schon verstorben sein.
Der Heilige
Auch wenn er in der Verehrung der Heiligen Familie im Schatten der Gottesmutter steht, hat sich immer eine eigene Tradition der Verehrung gebildet. Gerade in der jüngeren Kirchengeschichte wird der Heilige Josef verstärkt in den Blick genommen. Papst Pius IX. erklärt 1870 Josef zum Patron der Kirche. Pius XII. führt als zweiten Feiertag, neben dem Hochfest des Hl. Josef am 19. März, für den 1. Mai den Gedenktag Josef der Arbeiter ein.
Johannes XIII. ernannte Josef, neben der Gottesmutter, zum Schutzpatron des Konzils.
2013 verfügte Benedikt XVI. die Nennung des Hl. Josefs im Hochgebet. Franziskus ordnete, zum 150 jährigen Jubiläums des Titels „Patron der Kirche” im Jahr 2020, ein „Jahr des Hl. Josef“ an.
Holen wir Josef für uns selbst aus dem Schatten. Ich habe es für mich gemacht.
Pfarrer Matthias Ohlig