Serie: Die Messe verstehen – Eucharistisch leben (9)
Oft zitiert die Liturgie einen einzelnen Bibelvers und lässt doch den Kontext mitschwingen. „Seht, das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt.“ Mit diesen Worten zeigt der Priester die gebrochene Hostie. Er zitiert dabei wörtlich den Ruf Johannes des Täufers (Joh 1,29.36), als dieser Jesus auf sich zukommen sah und als er tags darauf seinen Blick auf ihn richtete (das Griechische betont hier das Sehen) und seine Jünger auf Jesus verwies. Die Begegnung der Jünger mit Jesus (vgl. Joh 1,35-42) ist ein wunderbares Bild für die Kommunion. Wie die Jünger ihm auf dieses Wort hin folgten, blicken wir zum Altar. Jesus wandte sich um; er zeigt uns in der Hostie gleichsam sein Gesicht. Jesu erstes Wort im Johannes-Evangelium ist: „Was sucht ihr?“ Er interessiert sich für uns und will unsere Sehnsucht stillen.
Die Jünger fragen: „Wo bleibst du?“ (die Einheitsübersetzung glättet: Wo wohnst du?). Jesu Antwort „Kommt und seht“ wird in der Messe zur Einladung, zur Kommunion zu kommen. „Da kamen sie mit und sie sahen, wo er blieb [wohnte], und sie blieben jenen Tag bei ihm.“ Die Jünger tun dasselbe wie Jesus: Sie bleiben. Bleiben ist weniger eine Zeit- als eine Qualitätsaussage. Die Jünger waren so beeindruckt, dass sie sich genau an die Uhrzeit erinnern: „Es war um die zehnte Stunde“ (16.00 Uhr). Es war also wohl keine allzu lange Zeit, aber eine erfüllte, beglückende Zeit in der Einheit (Kommunion) mit Jesus.
Das „Bleiben“ ist bei Johannes ein Kennzeichen der Jüngerschaft und hat auch eine eucharistische Konnotation, da die Brot- und die Weinstockrede (Kap. 6 und 15) zueinander gehören wie Brot und Wein in der Messe. Das Bleiben beim Herrn (in der Kommunion) ist voller Verheißung: „Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht“ (15,5; vgl. 6,56).
Nach ihrer Rückkehr berichtet Andreas, einer der beiden, seinem Bruder Petrus: „Wir haben den Messias gefunden, Christus.“ Vielleicht können die ersten Jünger ein Vorbild für unseren Kommuniongang werden: Sehen – Kommen – Bleiben – Bekennen.
Aus: Marco Benini, Brannte nicht unser Herz? Die Messe verstehen. Eucharistisch leben. Freiburg/Br: Herder 2024, S. 126f., In: Pfarrbriefservice.de