St. Bonifatius Wiesbaden

Zwischen dieser Welt und dem Himmel

Benjamin Dahlhoff

Zur Geschichte der Fastnacht in katholischer Tradition

Pfarrer Stephan Gras

Pfarrer Stephan Gras

„Wir tanzen heut hier im nächtlichen Schein in den Himmel hinein…“, so klingt es in einem Lied, das von den Mainzer Hofsängern alljährlich zu hören ist. In der Tat haben Fastnacht und der Himmel einiges miteinander zu tun.

Natürlich markieren die „tollen Tage“ den Abschluss der Zeit im Jahreskreis vor dem Aschermittwoch.

„Carne vale“ – „Fleisch, lebe wohl“, so die Einstimmung auf 40 Tage Fastenzeit; so gelten seit der Synode von Benevent in der italienischen Region Kampanien gegen Ende des 11. Jahrhunderts folgende Regeln: 

  • Kein Laie darf nach dem Aschermittwoch Fleisch zu sich nehmen.
  • Alle Männer und Frauen sollen am Aschermittwoch das Aschenkreuz empfangen.
  • Ein Heiratsverbot wird vom Sonntag Septuagesima (dritter Sonntag vor Aschermittwoch) bis zur Oktav von Ostern ausgesprochen.

Kleine Lichtblicke als Atempausen sind allerdings erlaubt, damit man dies auch durchhält: So gilt das Fastengebot an den Sonntagen der Fastenzeit nicht.

Biblisch gesehen sind die vierzig Tage der Fastenzeit mehrfach begründet: Die Zahl 40 hat in der jüdischen und christlichen Überlieferung eine hohe Symbolkraft. Immer wieder findet sie sich in den Schriften des Alten und des Neuen Testaments.

So ergoss sich der Regen der Sintflut im Buch Genesis 40 Tage und 40 Nächte auf die Erde. Auch wartete Noah, nachdem die ersten Berge wieder sichtbar wurden, 40 Tage. Das Volk Israel wanderte, wie das Buch Exodus berichtet, nach dem Auszug aus Ägypten 40 Jahre durch die Wüste und durchlief damit eine Zeit der Läuterung. Moses war Gott auf dem Berg Sinai 40 Tage nahe. Die Stadt Ninive hatte im Buch des Propheten Jona 40 Tage, um ihre Sünden zu bereuen. Jesus ging im Neuen Testament 40 Tage in die Wüste, um sich durch Gebet und Fasten auf seine Sendung vorzubereiten. 

Für Theologen steht die Zahl 40 damit für einen Zeitraum, der zu Buße und Besinnung auffordert, der Wende und Neubeginn ermöglicht. Die Zahl 40 wird gebildet aus dem Produkt von 4 und 10. Die 4 steht dabei üblicherweise für das Weltumspannende, Irdische und Vergängliche. Sie symbolisiert die Himmelsrichtungen, die Elemente Feuer, Erde, Wasser, Luft, die Lebensphasen Kindheit, Jugend, Erwachsensein, Alter und die menschlichen Temperamente. Die 10 gilt als Zahl des in sich Vollendeten, Ganzen. Sie dokumentiert ihren ganzheitlichen Anspruch nicht zuletzt in der biblischen Zahl der Zehn Gebote.

Wer allerdings den Sinn der christlichen Fastnacht vor dieser Fastenzeit verstehen will, ist gut beraten, einen Blick in die Schriften des heiligen Augustinus zu werfen. Im vierten Jahrhundert entwickelte er als Bischof und Theologe in seinem Werk „De civitate Dei“  die sogenannte Zwei-Reiche-Lehre. Hierin steht dem idealen Staat Gottes (civitas Dei) der verwerfliche Staat des Teufels (civitas diaboli) gegenüber, und genau für letzteren stand die mittelalterliche Fastnacht mit ihren geduldeten Ausschweifungen. Sie war sozusagen ein Lehrstück, um zu zeigen, dass die civitas Diaboli, ebenso wie der Mensch, vergänglich ist und am Ende Gott am Osterfest siegreich die Macht der Hölle bricht. Mit dem Aschermittwoch musste daher die Fastnacht enden, um die unausweichliche Umkehr zu Gott zu verdeutlichen. Während die Kirche bei gotteslästernden Szenen während der Fastnacht untätig blieb, wurde ein Weiterfeiern der Fastnacht in den Aschermittwoch hinein streng verfolgt.

Der irdische Staat (civitas terrena) erscheint in der Darstellung des heiligen Augustinus teils als gottgewollte zeitliche Ordnungsmacht, teils als ein von widergöttlichen Kräften beherrschtes Reich des Bösen. Der Mensch ist sozusagen hin- und hergerissen zwischen Himmel und Hölle, solange er sich auf dieser Erde bewegt. Der Gottesstaat (civitas Dei) schafft sich Raum in einzelnen nach den religiösen Geboten lebenden Christen. Diese Grundidee des Augustinus zur Deutung der Welt war das ganze Mittelalter über äußerst einflussreich.

So gesehen ist die Fastnacht aus kirchengeschichtlicher Sicht ein Lehrstück, das auf die Zerrissenheit des Menschen hinweist und durch anschließende bewusste Umkehr zur Begegnung mit Gott, in der österlichen Auferstehung und nach weiteren 40 Tagen als Vorgeschmack der den Menschen verheißenen ewigen Freude in die Himmelfahrt Christi mündet; eben wie im Lied: „Wir tanzen heut hier im nächtlichen Schein in den Himmel hinein…“

In diesem Sinne frohe Fastnacht und gute besinnliche Fastenzeit! 

Pfarrer Stephan Gras