St. Bonifatius Wiesbaden

Mystik in einer säkularisierten Welt

Gemeindebrief, Theologie SpiritualitätPhilippe Jaeck

Madeleine Delbrêl gilt als „Mystikerin der Straße“. Sie bezeugte, dass es auch heute möglich ist, aus der Kraft des Evangeliums heraus zu leben und die Welt mitzugestalten.

Gott lässt sich nicht nur an bestimmten Orten, wie z.B. Kirchen und Klöstern, finden. Er ist gegenwärtig überall, auch in unserer säkularisierten Welt. Wir können ihm dort begegnen. Diese Erfahrung hat Madeleine Delbrêl, eine französische Schriftstellerin und katholische Mystikerin, gemacht.

Kurze Biographie von Madeleine Delbrêl

Madeleine Delbrêl wurde am 24. Oktober 1904 in Mussidan (Dordogne) geboren. Sie begegnete Priestern, die in ihr – insbesondere im Zuge der Vorbereitung auf ihre Erste Heilige Kommunion – einen einfachen und tiefen Glauben weckten. In Paris jedoch, wohin die Familie 1916 zog, begannen andere Persönlichkeiten aus dem atheistischen Literaturkreis ihres Vaters auf die künstlerisch hoch begabte Madeleine Einfluss zu nehmen. Mit fünfzehn war sie strikt atheistisch und fand die Welt täglich absurder. Mit 17 Jahren, als sie an der Sorbonne Philosophie und Geschichte studierte, schrieb sie: „Gott ist tot. Es lebe der Tod.“

Als ihr Freund Jean Maydieu sich dann überraschend von ihr trennte, um in den Dominikanerorden einzutreten, drängte sich ihr die Frage nach Gott endgültig auf. Ein Wort von Teresa von Avila, man solle jeden Tag fünf Minuten still an Gott denken, gab ihr den entscheidenden Anstoß auf dem ersten Weg zur Kontemplation.

Madeleine wollte nach ihrer Bekehrung in den Karmel eintreten. Doch führten äußere Umstände, vor allem die erschwerte Familiensituation durch die Erblindung ihres Vaters, Madeleine zu dem Entschluss, ein Leben nach den evangelischen Räten inmitten der Welt zu leben. Sie engagierte sich als Leiterin einer Pfadfindergruppe in ihrer Gemeinde und begann eine Ausbildung als Sozialarbeiterin.

Mit einigen gleich gesinnten Frauen gründete Madeleine Delbrêl eine kleine Gemeinschaft. 1933 zog sie mit zwei Gefährtinnen nach Ivry, einer kleinen Arbeiterstadt.

Durch ihre Texte wurde Madeleine vor allem in denjenigen kirchlichen Kreisen bekannt, die nach neuen Wegen der Evangelisierung Frankreichs suchten, zum Beispiel bei den Arbeiterpriestern. Mit vielen von ihnen verband sie eine tiefe Freundschaft. In ihren letzten Lebensjahren wurde Madeleine Delbrêl immer häufiger auch von Bischöfen um Erfahrungsberichte gebeten – bis hin zur Bitte um Mitarbeit bei den Vorbereitungen des 2. Vatikanischen Konzils.

Als Madeleine Delbrêl am 13.Oktober 1964 an einem Schlaganfall überraschend starb, war sie über den Kreis ihrer Freunde hinaus nur wenigen bekannt. Heute sind ihre Schriften jedoch in mehr als acht Sprachen übersetzt.

Mystikerin der Straße

Mystik bedeutet, Erfahrungen mit Gott zu machen. In der Bibel können wir über viele Personen lesen, die Gotteserfahrungen hatten. Denken wir an Mose, als Gott ihm im brennenden Dornbusch erschien, während er die Schafe seines Schwiegervaters weidete. Oder an Maria und den Engel Gabriel, der ihr die Botschaft überbracht hat, dass Gott sie als Mutter für seinen Sohn erwählt hat. Oder an die Jünger Jesu, denen plötzlich der Auferstandene erschienen ist. Diese Berichte zeigen, dass Gottesbegegnungen nicht planbar sind, dass sie unerwartet auftreten. Wichtig aber ist, offen für Gott zu sein.

Madeleine Delbrêl war offen für Begegnungen mit Gott in ihrem alltäglichen Leben mit all seinen Facetten. Madeleine wird als „Mystikerin der Straße“ bezeichnet. Ihr Gedicht „Geht in euren Tag hinaus“ kann uns als Rezept dienen für die möglichen Gottesbegegnungen in unserem Alltag:

Geht in euren Tag hinaus
ohne vorgefasste Ideen,
ohne die Erwartung von Müdigkeit,
ohne Plan von Gott,
ohne Bescheidwissen über ihn,
ohne Enthusiasmus,
ohne Bibliothek –
geht so auf die Begegnung mit ihm zu.
Brecht auf ohne Landkarte –
und wisst, dass Gott unterwegs
zu finden ist,
und nicht erst am Ziel.
Versucht nicht,
ihn nach Originalrezepten zu finden,
sondern lasst euch von ihm finden
in der Armut eines banalen Lebens.

Die Anregungen von Madeleine Delbrêl sind durchwegs praktisch. Sie lehrt uns, uns in einem vielbeschäftigten Leben auf Gott auszurichten. Sie spricht davon, wie wichtig es ist, im Alltag Gebetsinsel einzubauen:

„Welche Freude, zu wissen, dass wir unsere Augen zu Deinem Angesicht erheben können, ganz allein, während die Suppe langsam aufkocht, während wir beim Telefon auf den Anschluss warten, während wir an der Haltestelle nach dem Bus Ausschau halten, während wir eine Treppe hinaufsteigen, während wir im Garten für den Salat ein wenig Petersilie holen.“

Für Madeleine Delbrêl war es wichtig, zu den Menschen der Stadt zu gehen, dort, wo sie sich versammelten. Auch Jesus ist zu den Menschen gegangen, er hat mit den Sündern zusammen gegessen und getrunken. Er hat ihnen die Liebe und Güte Gottes gebracht.

Madeleine sah es als ihre Aufgabe, die frohe Botschaft an die Menschen außerhalb der Kirche zu bringen. Ihre Erfahrungen schildert sie im Gedicht „Liturgie der Außenseiter“:

Du hast uns heute Nacht
in dieses Café „Le Clair de Lune“ geführt.
Du wolltest dort du selbst sein,
für ein paar Stunden der Nacht.
Durch unsere armselige Erscheinung,
durch unsere kurzsichtigen Augen,
durch unsere liebeleeren Herzen
wolltest du all diesen Leuten begegnen,
die gekommen sind, die Zeit totzuschlagen.
Und weil deine Augen in den unsren erwachen,
weil dein Herz sich öffnet in unserm Herzen,
fühlen wir,
wie unsere schwächliche Liebe aufblüht,
sich weitet wie eine Rose,
zärtlich und ohne Grenzen
für all diese Menschen, die hier um uns sind.
Das Café ist nun kein profaner Ort mehr,
dieses Stückchen Erde,
das dir den Rücken zu kehren schien.
Wir wissen, dass wir durch dich
ein Scharnier aus Fleisch geworden sind,
ein Scharnier der Gnade,
In uns vollzieht sich das Sakrament deiner Liebe.
Wir binden uns an dich,
wir binden uns an sie
mit der Kraft eines Herzens,
das für dich schlägt.

Madeleine Delbrêl kann auch für uns in Wiesbaden ein Vorbild sein. Wir können offen werden für unerwartete Gottesbegegnungen auf unseren Straßen. Wir können in unseren Alltag Gebetsinseln einbauen und auf diese Weise in Verbindung mit Gott treten. Jesus will zu den Menschen in unserer Stadt gehen, ihnen begegnen und die Liebe und Güte Gottes spüren lassen. Dafür braucht er aber uns.

Lasse ich mich auf dieses Abenteuer der Liebe ein?

Sr. Katrina Dzene, Gemeindereferentin
Foto: Sr. Katrina Dzene
Quellen: Aus dem Internet; Buch von Arnold Fritz
„Der Schatz im Acker Deines Lebens. Sich von christlichen Mystikern inspirieren lassen“, Sankt Ottilien 2013