St. Bonifatius Wiesbaden

Hildegard von Bingen

Theologie SpiritualitätBenjamin Dahlhoff

Über die Heilige und Kirchenlehrerin, die Powerfrau des 12. Jahrhunderts

Dieser Artikel stammt aus dem Gemeindebrief 9/2017, den Sie ab kommendem Wochenende in unseren Kirchen mitnehmen können.

Dieser Artikel stammt aus dem Gemeindebrief 9/2017, den Sie ab kommendem Wochenende in unseren Kirchen mitnehmen können.

Hildegard-Kräuter, Hildegard-Medizin, Hildegard-Rezepte, Heilfasten nach Hildegard von Bingen. Seit den neunziger Jahren boomt das Geschäft mit Produkten rund um die Hl. Hildegard. Im Internet kann man seitenweise Rezepte, z.B. auch für „Nervenkekse oder Intelligenzkekse nach Hildegard“, herunterladen.  Ja, die Benediktinerin vom Rupertsberg und spätere Äbtissin des Klosters St. Hildegard in Rüdesheim erfreut sich bis heute großer Bekanntheit und Beliebtheit. Über 800 Jahre nach ihrem Tod ist sie präsenter denn je. Auch wenn es der Produktvermarktung dienen mag, mit einer Reduzierung auf eine „Dinkel- und Kräuter-Nonne“ wird man Hildegard von Bingen nicht gerecht.

Man kann sie sicher als die populärste Deutsche des Mittelalters bezeichnen. Zu ihren Lebzeiten im 12. Jahrhundert (1098 bis 1179) war Hildegard von Bingen das, was man heute eine echte „Powerfrau“ nennen würde.

Keine andere Frau des Mittelalters ist mit einer solchen Fülle von Titeln ausgezeichnet worden wie Hildegard von Bingen. Sie gilt als Prophetin, Theologin und Gelehrte, Predigerin, Naturforscherin und Heilkundige, Komponistin, Klostergründerin und Äbtissin, die als geistliche Autorität der Kirche anerkannt war. Eine hoch gebildete Mystikerin, die sich selbst als „ungelehrt“ bezeichnete, sich aber furchtlos zu brennenden kirchenpolitischen Fragen äußerte und Gehör bei Kirchenfürsten und Gelehrten fand – ein wahres Kommunikationstalent. Ihr selbstbewusstes, charismatisches Auftreten vermittelte Hildegard von Bingen eine große Bekanntheit und Beliebtheit und machte sie für viele Menschen zur Anlaufstelle für vordringliche Fragen des Lebens.

Aus heutiger Sicht besonders bahnbrechend war ihre Wahrnehmung der Natur, in der sie ein Spiegelbild der göttlichen Weltordnung sah. Auch den menschlichen Körper und die Sexualität beschrieb sie eingehend und mit großer Unbefangenheit.

Die Lehrbücher des „armseligen Weibsbildes“, wie die Ordensfrau aus adligem Geschlecht sich selber nannte, zu Pflanzen-, Metall- und Edelsteinheilkunde wurden Grundlage einer ganzheitlichen, homöopathischen Hildegard-Medizin.  „Ganzheitlich“ bedeutete für die Benediktinerin nicht, dass Schulmedizin durch alternative Heilmethoden ergänzt wird, sondern dass der Mensch auch in seinem Glauben wieder heil wird. Wer seine von Gott gegebene Freiheit im Wahn absoluter Autonomie missbrauche, schrieb Hildegard, werde krank an Leib und Seele und bringe damit auch die Elemente des Kosmos in Aufruhr.

Gegen den Trend ihrer Zeit lebte sie eine große Liebe zu den Menschen und zur Schöpfung. Diese Liebe floss aus der noch größeren Liebe, die sie Gott entgegenbrachte. Diese Liebe zu Gott wurde durch ihre Visionen genährt, in denen sie die „verborgenen Geheimnisse Gottes“ sah und Gott darin als ein großes, lebendiges Licht.

Diese Kraft mystisch-prophetischer Schau wurde für sie zum Anlass, sich mitzuteilen: in Schriften, auf Predigtreisen, und im Briefwechsel mit den Mächtigen ihrer Gegenwart. Aus ihren Visionen gewann sie die Autorität gegenüber den Mächtigen ihrer Zeit, das Evangelium zu verkünden und Missstände und Irrwege in der Kirche anzusprechen.  Gesegnet mit vielen künstlerischen Fähigkeiten drückte sie ihren Glauben auch in der Musik und in der Poesie aus.

Um 1150 gründete Hildegard das Kloster Rupertsberg bei Bingen; 1165 erwarb sie das leerstehende Augustinerkloster in Eibingen, auf dessen Grund und Boden die heutige Pfarr- und Wallfahrtskirche steht, und siedelte dort Benediktinerinnen aus ihrem Konvent an. Obwohl sie schon bald nach ihrem Tod im Jahr 1197 verehrt wurde und Papst Gregor IX. den Heiligsprechungsprozess einleitete, wurde Hildegard nicht förmlich kanonisiert. Erst in unserer Zeit, am 10. Mai 2012, bestätigt Papst Benedikt XVI. ihre Aufnahme in den Gesamtkalender der Heiligen. Damit kann Hildegard nun offiziell in der gesamten Weltkirche als Heilige verehrt werden. Am 5. Oktober 2012 wurde Hildegard zur Kirchenlehrerin erhoben. Ihren Gedenktag feiert die Kirche am 17. September.

Eine Möglichkeit sich näher oder vielleicht auch neu mit dieser Heiligen zu beschäftigen ist der „Hildegard von Bingen-Pilgerwanderweg“, der am 9. September auf dem Disibodenberg und am 10. September in der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim-Eibingen eingeweiht wird. Der Pilgerwanderweg führt an den verschiedenen Lebensstationen der heiligen Hildegard vorbei, startet in Idar-Oberstein, vorbei an den möglichen Geburtsorten Bermersheim und Niederhosenbach und führt über den Disibodenberg bis zur Abtei St. Hildegard.  Auf dem 136 km langen Weg informieren Infotafeln über Person und Werk Hildegards, Meditationstafeln laden zur Besinnung ein.

Jutta Fechtig-Weinert,
Pastoralreferentin