Das neue Jahr ist noch jung und doch hat der alte Trott die meisten von uns schon wieder fest im Griff. Wenn man den Statistikern glaubt, hat die Mehrzahl der Menschen ihre guten Vorsätze längst über Bord geworfen. Der Eifer für Neuanfänge ist verblasst; der nüchterne Alltag hat uns wieder.
In den letzten Jahren ist der Januar zunehmend zu einer neuen, säkularen Fastenzeit geworden: Das neue Jahr soll einen persönlichen Neustart bringen. Viele beginnen mit weniger Alkohol, besserer Ernährung und mehr Sport, bis alte Gewohnheiten, Termindruck und Stress diese Vorsätze vergessen lassen.
Der Wunsch nach einem neuen und besseren Leben ist groß; die Chance, durch selbstgemachte Vorsätze tatsächlich etwas zu verändern, scheint dagegen erstaunlich klein. Aber wie wäre es, wenn wir uns von dieser Diagnose nicht entmutigen ließen, sondern nach etwas Besserem Ausschau hielten?
Die Kirche schenkt uns das Original: die Fastenzeit als Zeit der Neuausrichtung und des Neuanfangs. Versuchen wir es also noch einmal: österliche Bußzeit statt „Dry January“.
Der Ansatz ist allerdings ein ganz anderer: Statt nur einzelne Gewohnheiten oder Lebensbereiche zu optimieren, ruft uns die Fastenzeit zu einer grundlegenden Neuorientierung; zu einer Umkehr des Herzens.
Die Fastenzeit lädt uns ein, uns den wirklich wichtigen Dingen zuzuwenden, im Vertrauen darauf, dass sich dann auch alles andere neu ordnet.
Für mich ist in diesem Jahr der heilige Ignatius von Loyola († 1556) ein guter Patron für diese Zeit. Ignatius ist vor allem für sein kleines Buch, die „Geistlichen Übungen“, bekannt: Durch Gebet und Betrachtung will er Menschen helfen, gute Entscheidungen für ihr Leben zu treffen, indem sie sich neu auf Gott hin ausrichten.
Mich hat immer beeindruckt, wie Ignatius diesen Weg beginnt: nämlich indem er dem Leser sozusagen einen Kompass in die Hand legt. Sein Büchlein beginnt mit einem kurzen Kapitel, das er mit den Worten „Prinzip und Fundament“ überschreibt. Hier schenkt er in wenigen Worten eine klare Ausrichtung.
Er schreibt: „Der Mensch ist geschaffen dazu hin, Gott Unseren Herrn zu loben, Ihn zu verehren und Ihm zu dienen, und so seine Seele zu retten. Die anderen Dinge auf Erden sind zum Menschen hin geschaffen, um ihm bei der Verfolgung seines Ziels zu helfen, zu dem hin er geschaffen ist. Hieraus folgt, dass der Mensch sie soweit zu gebrauchen hat, als sie ihm zu seinem Ziel hin helfen, und soweit zu lassen, als sie ihn daran hindern.“
Diese wenigen nüchternen Worte fordern uns heraus, den Kompass des Lebens nochmal zur Hand zu nehmen und den wichtigen Dingen im Leben ihren gebührenden Platz einzuräumen – allen voran Gott, auf den hin wir geschaffen sind.
Das klingt nach harter Arbeit und freudloser Mühe. Aber so ist es nicht gemeint. Im Büchlein des Ignatius ist das nur das Vorwort für das eigentlich Entscheidende, das dann kommt: die lebendige, betrachtende und betende Auseinandersetzung mit Jesus Christus. Ignatius ist überzeugt, wer sich auf eine echte Begegnung mit dem Mann aus Nazareth einlässt, wird eine frohmachende Veränderung erfahren und neue Perspektiven für ein Leben mit Gott gewinnen.
Im Büchlein folgen darum angeleitete Betrachtungen für vier Wochen, die den Lebensweg Jesu zum Thema haben. Wichtige Bibelstellen sollen vor dem geistigen Auge lebendig werden und das Bewusstsein wachsen lassen, dass das, was da überliefert wird, mir ganz persönlich gilt.
Jede der Betrachtungen endet mit einem echten Gespräch mit Christus. Ignatius sagt dazu: „Das Gespräch wird mit richtigen Worten gehalten, so wie ein Freund mit seinem Freunde spricht oder ein Knecht zu seinem Herrn“.
Die Kraft, die das Leben dann neu werden lässt, ist nicht die Willensstärke guter Vorsätze, sondern die Liebe. Durch einen Weg, der durchaus Zeit braucht, kann diese Liebe wachsen. Sie beginnt mit der Erkenntnis des eigenen Geliebtseins und darf in die Entscheidung münden, selbst zu einem Liebenden zu werden – und das so wie Gott jeden einzelnen auf je besondere Weise ruft.
Der Weg, den Ignatius in den „Geistlichen Übungen“ weist, endet dann auch mit der sogenannten „Betrachtung zur Erlangung der Liebe“, in der es heißt: „Ins Gedächtnis rufen die empfangenen Wohltaten [...], indem ich mit großer Hingebung wäge, wie Großes Gott Unser Herr für mich getan und wie viel Er mir von dem gegeben hat, was Er besitzt, und folgerichtig, wie sehr derselbe Herr danach verlangt, Sich selbst mir zu geben“.
Vielleicht kann dieser Weg, den Ignatius weist, uns in der kommenden Fastenzeit zu einem Neuanfang leiten, der die Sehnsucht unseres Herzens stillt und nachhaltige, bleibende Freude schenkt.
Kpl. Fabian Bruns
Bilder: Stocksnap / Pixabay / Pfarrbriefservice
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