St. Bonifatius Wiesbaden

Gemeindebrief

Die Trauer-Seelsorge: Beistand und Schreiben helfen aus dem Tief heraus

Aufsuchende Seelsorge, Gemeindebrief, Theologie SpiritualitätPhilippe Jaeck

Ein Selbsterfahrungs-Bericht

Die Trauer nach dem plötzlichen Todesfall meiner Schwester ist ein Grenzgang zwischen Melancholie und Depression. Die Seelsorgerin hilft mir aus meinem Tief heraus.

Carola Müller, Gemeindereferentin der Pfarrei St. Bonifatius, stellt vor mir einen großen Karton mit Krippenfiguren, Miniaturmöbeln und Tüllstoffen auf den Tisch, aus denen ich ein Szenenbild aufbaue. „Sie leben in der Welt von Andrea“, kommentiert sie: „Ihr Bild zeigt das Leben Ihrer Schwester – und Sie sitzen mit Ihrem Hut in der Mitte.“Ich lege einen Anker zu der Szene. „Der Anker symbolisiert meine Suche nach Halt, weil mir der Verlust meiner Schwester den Teppich unter den Füßen weggezogen hat“, erkläre ich der Seelsorgerin.

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Die „Bilderlegung“ ist ein gestaltungstherapeutischer Ansatz der modernen Trauerbegleitung. Die Betroffenen gewinnen Klarheit über ihre negativ besetzten Gefühle, weil sie „sich erklären“. So können sie sich von ihnen befreien. Das beste Mittel zur Verarbeitung von Trauer ist das Schreiben. Im Laufe eines Jahres schreibe ich mir buchstäblich „die Seele frei“. Inzwischen sind es hundert Seiten. Meine Selbsttherapie.

Im Mittelpunkt der Seelsorge steht, dass der Betroffene seinen eigenen Weg aus der Melancholie findet, aber nicht alleingelassen wird. Der Beistand meiner Trauerbegleiterin ist wichtig. Regelmäßig lese ich ihr aus meinem Werk über meine Schwester vor, die nun als „Schmetterlings-Prinzessin“ verewigt ist. Von Trauma, Schuldgefühlen, Sich-Selbst-Verzeihen ist die Rede. All das, was auf mir lastet, besprechen wir in den gemeinsamen Stunden.

Ich hatte immer gedacht, Andrea würde noch jahrelang leben und wir würden gemeinsam alt werden. Als sie mit 64 Jahren gestorben ist, bin ich 54 gewesen. Wir lebten in einem Haus, sie in einer Wohnung direkt über meiner.

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Trauern, was heißt das? Es bedeutet nicht nur Weinen. Tränen sind eine akute Reaktion, die erleichternd wirkt. Die Emotionen „treten nach außen“. Weinen therapiert. Trauern ist mit einer andauernden, niedergeschlagenen Grundstimmung verbunden.

Trauer ist „Stress pur“: Ein physischer Prozess, der an den Kräften zehrt. Der Schlaf- entzug zermürbt mich. Die traumatische Erinnerung, dass ich meine Schwester verstorben in ihrem Bett fand, lässt mich nicht los. Ich erleide einen Kräfteverlust. Ohne Energie fehlt plötzlich auch jegliche Motivation. Trauer gilt nicht als Depression. Sie kann sich aber zur Depression entwickeln, wenn die Trauer niemals überwunden wird. Dazu müssen die Betroffenen „Trauer-Arbeit“ leisten. Die Seelsorgerin schlägt vor, „Kraftquellen“ auszuschöpfen: „Verlassen Sie sich auf ihre Intuition. Machen Sie, was Ihnen guttut.“ Klavierspielen und Spaziergänge in der Natur. Dazu gehört für mich auch: in die Kirche gehen.

Plötzliche Todesfälle sind ein Schock. In den Momenten, in denen man den Verlust des geliebten Menschen spürt, ist die Vision seines Weiterlebens nach dem Tode der einzige Trost. „Ich habe oft am Bett von Schwerkranken gesessen“, berichtet Carola Müller: „Im Glauben an ihre Wiederauferstehung sind sie voller Hoffnung und in guter Stimmung.“

Trauer kehrt zurück wie ein Bumerang

Wer denkt, die Melancholie ist vergangen, nachdem die erste Trauerwelle überwunden ist, hat sich getäuscht. Die Trauer kehrt zurück wie ein Bumerang. Heikle Situation ist die Heimkehr nach einer Reise. Dann fällt umso mehr auf, dass der Mensch nicht mehr da ist, nicht mehr lacht, klingelt und vorbeikommt. Die christliche Tradition des Trauerjahrs erklärt sich aus dieser Erfahrung. Der Trauernde durchläuft einen Prozess ständig schwankender Gefühle. Es dauert in der Regel acht bis zwölf Monate, bis er sich daran „gewöhnt“, dass alles anders weitergeht als vorher.

Gedenkfeier

Die Gedenkfeier für meine Schwester Andrea an ihrem ersten Todestag ist zu einer besonderen Art von Selbsterfahrung geworden. „Was das solle?“, hinterfragt manch ein Angehöriger meine Einladung nicht nur herzlich. Im Westen sind Feiern zu Ehren der Toten nach ihrer Beerdigung nicht üblich. Im Iran und in Afrika dagegen sind sie fest verankert. Die Schwarzen feiern mit Tanz und Musik, dass ihre Ahnen im „Jenseits angekommen sind“.

Fünfzehn Verwandte und Freunde reisen aus ganz Deutschland zur zweitägigen Gedenkfeier an. Meine Trauerbegleiterin überrascht uns mit ihrer Idee: Am Grab meiner Schwester Andrea stecken wir einen gemeinsamen Kranz aus Rosen und Schmetterlingen. Eine Gedenkfeier ist ein schönes Fest. Der Verstorbene lebt in der Erinnerung seiner Familie und seiner Freunde weiter.

Ulrike Keding, Die Autorin ist freie Journalistin
Fotos: Ulrike Keding