Jedes Jahr an Aschermittwoch stolpere ich über eine Formulierung aus dem Tagesgebet, die für unsere heutigen Ohren doch recht antiquiert klingt und die in mir zunächst eher negative Gefühle hervorruft. Dort heißt es: „Gib uns die Kraft zu christlicher Zucht, damit wir dem Bösen absagen und mit Entschiedenheit das Gute tun“.
Gib uns die Kraft zu christlicher Zucht! − Wo Zucht und Ordnung herrschen, verläuft zwar alles in geordneten Bahnen, alles ist irgendwie in der Reihe. Doch das Klima, in dem das möglich ist, basiert meist eher auf Furcht und Unfreiheit. Und somit ist die ach so toll gepriesene Ordnung eine mir von außen zwanghaft auferlegte und hat wenig mit meinen inneren Überzeugungen zu tun. In eine solche Richtung weist uns unser Tagesgebet nicht. Christliche Zucht ist das glatte Gegenteil von Furcht und Unfreiheit!
Den Weg, der uns erahnen lässt, was christliche Zucht meint, weist uns das Wort selbst. Zucht kommt nämlich von ziehen. Ich lasse mich innerlich von etwas anziehen. Etwas fasziniert mich derart stark, dass es mich in seinen Bann zieht und folglich spürbare Auswirkungen auf mein Leben hat.
Die vor uns liegende Fastenzeit lädt uns genau hierzu ein: Uns von Gott und seiner Liebe wieder von neuem anziehen zu lassen. Ihr gegenüber nicht gleichgültig zu bleiben, sondern sie auf mich wirken zu lassen und so von ihr verwandelt zu werden.
Wie mache ich das? Ein konkretes Beispiel könnte das Beten und intensive Meditieren des Kreuzweges sein. Eine Vorlage hierzu finden Sie im Gotteslob (Nr. 683).
Wenn wir uns auf diese Weise von der unfassbaren Liebe Gottes, die im Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi greifbar wird und die ja jedem Einzelnen von uns gilt, innerlich anziehen und bis in Mark und Bein hinein berühren lassen, bleibt das für unser Leben nicht folgenlos.
Dieses Gesetz beobachten wir ja schließlich auch auf der zwischenmenschlichen Ebene. Dort, wo ich mich bedingungslos geliebt weiß, kann ich die Kraft aufbringen, mich zu ändern. Dort bin ich bereit, wirklich an mir zu arbeiten und meine schlechten Gewohnheiten abzulegen. „Erwarte nicht, dass ich mich ändere, damit du mich lieben kannst. Liebe mich, damit ich mich ändern kann“ – was zwei Menschen zueinander sagen, gilt umso mehr in unserem Verhältnis zu Gott.
Die gute Nachricht ist jetzt: Gott hat schon längst damit angefangen! Gott liebt uns, damit wir neu werden. Gott liebt uns, damit wir die Kraft zu einer ehrlichen inneren Erneuerung finden. Darum ist es zentral, dass wir am Beginn der österlichen Bußzeit um christliche Zucht beten. Nutzen wir also jede Chance, die sich uns auftut, uns der magnetischen Liebeskraft Gottes auszusetzen, uns von Gott anziehen zu lassen. So werden wir von seiner Gnade verwandelt und sind mit gestärkten Kräften in der Lage, dem Bösen abzusagen und mit Entschiedenheit das Gute zu tun.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen schon jetzt eine segensreiche Fastenzeit!
Lukas Kämpflein, Diakonatspraktikant
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