St. Bonifatius Wiesbaden

„Faul sein ist wunderschön!“

Gemeindebrief, Theologie SpiritualitätPhilippe Jaeck

... Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hinzuschauen.“ Astrid Lindgren - Eine Einladung nicht nur für die Urlaubszeit…?!

Mir zaubert dieses Zitat von Astrid Lindgren beim Lesen immer wieder aufs Neue ein herzliches Lächeln ins Gesicht. Ich denke dabei sofort an Pippi Langstrumpf, die Heldin meiner Kindheit, und das macht mir gute Laune… Gleichzeitig ist dieses Zitat für mich aber auch immer wieder Einladung und Herausforderung zugleich. Lasse ich den ersten Satz „Faul sein ist wunderschön!“ nämlich noch einmal nachklingen, regt sich in mir plötzlich großer Widerstand.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen mit dieser Formulierung ergeht…?! Aber „faul sein“ impliziert bei mir sofort ein schlechtes Gewissen. Möchte ich in einer leistungsorientierten und durchoptimierten Gesellschaft wirklich als faul gelten…?! Und wie kann ich in Ruhe und ohne schlechtes Gewissen einfach nichts tun, dasitzen und vor mich hinschauen, während sich alle anderen abrackern und für drei arbeiten…?!

Blicke ich in die Bibel, stelle ich fest, dass sich Astrid Lindgren mit ihrer Einladung zum Nichtstun und „Faulsein“ durchaus in der allerbesten Gesellschaft befindet. Denn im Markusevangelium heißt es: „Die Apostel versammelten sich wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir alleine sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein (Mk 6,30-32).“

naughty girl with pigtails, opens his mouth and shouts

Jesus selbst lädt seine Jünger nach einer sehr vollen und arbeitsintensiven Zeit dazu ein, bewusst anzuhalten und eine Pause zu machen. Denn er weiß, dass kein Mensch pausenlos arbeiten kann, ohne irgendwann auszubrennen oder vor Erschöpfung zusammenzubrechen. Jesus will, damals wie heute, keine Workaholics, aber auch keine Faulenzer. Vielleicht geht es beim Zitat von Astrid Lindgren, ähnlich wie bei der Passage aus dem Markusevangelium, also garnicht um ein Entweder - oder, sondern um die Einladung, ein gutes und ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Aktivität und schöpferischer Ruhe zu finden...?!

Jesus erinnert seine Jünger liebevoll daran, dass WENIGER manchmal so viel MEHR sein kann. Auch sucht er selbst immer wieder neben allem Wirken bei den Menschen die Einsamkeit und das Gebet mit dem Vater, um sich nicht im Tun und den Erwartungen des Alltags zu verlieren, sondern immer wieder neu auf das Wesentliche auszurichten.

Es braucht die Zeiten des Schaffens, aber eben auch des kreativen Nichtstuns, der schöpferischen Pausen. Denn nur, wer sich Raum lässt, auch wieder LEER zu werden, kann neu AUS DEM VOLLEN SCHÖPFEN. Gott sei Dank, dass auch Astrid Lindgren wusste, „dass man ja auch noch Zeit haben muss, um einfach dazusitzen und vor sich hinzuschauen!“ Sonst wären manche ihrer Werke wie „Pippi Langstrumpf“, „Michel aus Lönneberga“ oder „Die Kinder aus Bullerbü“ vielleicht gar nicht aus ihrem schöpferischen Nichtstun entstanden.

Diese geistliche Erfahrung, wie WUNDERSCHÖN, heilsam und schöpferisch das „Faulsein“ sein kann, wünsche ich auch uns allen – und zwar nicht nur im Urlaub oder den Sommerferien…!

Pastoralreferentin Stephanie Hanich
Foto: sushytska / Adobe Stock