St. Bonifatius Wiesbaden

Kultur der Aufmerksamkeit

Gemeindebrief, Bistum Limburg, Aus dem Leben der PfarreiPhilippe Jaeck
Girl with finger on mouth

Über die Präventionsarbeit in der Pfarrei St. Bonifatius

Vor wenigen Wochen hat die Deutsche Bischofskonferenz die Ergebnisse einer Studie veröffentlicht, die das Thema der sexualisierten Gewalt im Bereich der katholischen Kirche systematisch untersucht hat. Dabei wurden Personalakten von Priestern und Ordensleuten aus sieben Jahrzehnten ausgewertet. Die Ergebnisse sind traurig und beschämend: Wie viel Missbrauch gegenüber Kindern und Jugendlichen hat es da gegeben. Hier ist schweres Unrecht geschehen. Wie oft wurde vertuscht und weggeschaut und wie oft wurden damit Täter geschützt. Zu wenig wurde den Opfern zugehört. Diese blieben mit ihren schmerzlichen Erfahrungen und ihrer damit verbundenen tiefen biographischen Verletzung allein. Das Fehlverhalten so vieler Menschen hat das Vertrauen in die Kirche tief erschüttert. Salbungsvolle Worte oder Betroffenheitsphrasen sind daher fehl am Platze. Hier hilft nur eins: schonungslose Aufklärung und ein grundsätzlicher Perspektivenwechsel. Die Perspektive der Missbrauchsopfer muss dabei vorrangig sein.

Die Zahlen der Studie sprechen eine klare Sprache; da gibt es nichts zu beschönigen. Und sie machen deutlich, dass es sich nicht bloß um ein Thema der Vergangenheit handelt: Die notwendige Präventionsarbeit ist eine bleibende Aufgabe für die Zukunft. Dabei ist einerseits zu bedenken, welche Strukturen in der Kirche verändert oder neu eingerichtet werden müssen, um jede Form von Vertuschung zu vermeiden. Andererseits bedarf es einer neuen Kultur der Aufmerksamkeit und des Hinschauens. Von allen, die in der Seelsorge als Haupt- oder Ehrenamtliche tätig sind, und gerade von jenen, die sich in der Kinder- und Jugendpastoral engagieren, muss diese neue Achtsamkeit eingefordert werden. Alle müssen wissen, dass wir hinschauen und damit möglichem Missbrauch keinen Raum mehr geben.

Das Thema Prävention ist nicht neu. Die Studie, die die Bischofskonferenz in Auftrag gegeben hat, war eine Folge der Aufdeckung des Missbrauchs im Jahr 2010. Seitdem wurde im Bistum Limburg eine konsequente Präventionsarbeit aufgebaut, die in allen Bereichen und Ebenen unseres Bistums präsent ist. Präventionsbeauftragte sind Ansprechpartner auf Bistumsebene. Prävention ist fester Bestandteil der pastoralen Ausbildung aller Seelsorgerinnen und Seelsorger. In jeder Pfarrei gibt es geschulte Fachkräfte, die das Anliegen der Präventionsarbeit auch vor Ort immer wieder einbringen. Alle Pfarrer werden ohne Ausnahme in der Präventionsarbeit geschult.

In unserer Pfarrei Sankt Bonifatius werden die Standards der Präventionsarbeit des Bistums Limburg konsequent umgesetzt. Alle, die in der Jugend- und Kinderpastoral in irgendeiner Form tätig sind, müssen ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. In den Schulungen für unsere Gruppenleiterinnen und -leiter ist das Thema Prävention eine eigene Einheit. Auch in unserem Pastoralteam gibt es geschulte Fachkräfte: Gemeindereferentin Carola Müller und Pastoralreferentin Jutta Fechtig-Weinert, aber auch alle Seelsorgerinnen und Seelsorger stehen bei jedwedem Anliegen im Bereich Prävention zur Verfügung. Außerdem werden wir ein Präventionskonzept für unsere Pfarrei erarbeiten. Dies soll mit allen relevanten Gruppierungen gemeinsam erstellt werden. Entscheidend ist dabei, dass wir im Gespräch sind mit allen Beteiligten und damit deutlich machen, dass wir nicht wegschauen, sondern achtsam bleiben.

Die vergangenen Jahre haben aufgedeckt und ins Bewusstsein gebracht, dass sexueller Missbrauch ein gesamtgesellschaftliches Problem mit gewaltigen Dimensionen ist. Die Studie der Bischofskonferenz zeigt uns, dass wir als Kirche gefordert sind, in unserem Bereich alles uns mögliche zu tun, unseren notwendigen Beitrag zum Aufbau einer neuen Kultur der Aufmerksamkeit zu leisten.

Klaus Nebel, Pfarrer