St. Bonifatius Wiesbaden

Maria Himmelfahrt oder Maria Aufnahme

Theologie SpiritualitätBenjamin Dahlhoff

Im Volksmund heißt das Fest, das die Katholische Kirche am 15.August feiert, “Maria Himmelfahrt“. In Erbenheim gibt es die Kirchengemeinde „Maria Aufnahme“. Meint man damit das Gleiche?

Wie kommt es zu diesen unterschiedlichen Ausdrucksformen? Seit dem 5. Jahrhundert ist in der Kirche eine Feier der ganz menschlichen Aufnahme Mariens in den Himmel bekannt. Die Ostkirche nennt dieses Fest „Entschlafung Mariens‘“. So feiert sowohl die Ostkirche wie die Kirche des Westens seit der Frühzeit der  Kirche ein Fest, dessen Inhalt Papst Pius der XII 1952 feierlich in einem Glaubenssatz verkündet hat. Damit wurde klar ausgesprochen, dass man Christi Himmelfahrt nicht mit Maria Himmelfahrt gleich stellen darf. Maria wurde auf Grund ihrer persönlichen Erwählung und ihrer einmaligen Würde als Mutter des Sohnes Gottes im Tod mit Leib und Seele in die Herrlichkeit des Himmels aufgenommen. 

Wenn Gott nun diese Gnade dem Menschen Maria unverdient geschenkt hat, dann dürfen auch wir darauf vertrauen, dass wir im Tod mit Leib und Seele bei Gott Aufnahme finden. 
Natürlich wird unser Leib verwesen. Aber mit Leib und Seele auferstehen, das meint: Unsere Person in ihrer Einmaligkeit und Ganzheit  wird zu Gott kommen. Damit betont die Kirche, dass unser Leib eine unantastbare Würde hat. Der ganze Mensch mit Leib und Seele ist zur Auferstehung bestimmt.
Der Malermönch Peter Jegor, der vier Wochen in der Gemeinde Maria Aufnahme in Erbenheim lebte, hat diesem Glaubensgeheimnis einen bildhaften Ausdruck verliehen. Maria in ihrer leib-seelischen Ganzheit wird durch Jesus zur Vollendung geführt.
Stellen Sie sich vor: Sie sitzen in einem dunklen Zimmer. Da leuchtet plötzlich eine mehrere tausend Watt starke Lampe auf. Was sehen Sie? Sie sind so geblendet, dass Sie nur schwarz vor Augen sehen.  Das können Sie übertragen. Wenn das göttliche Licht einen Menschen überfällt, dann sieht er auch nur schwarz, ja dann müsste er eigentlich erblinden. So hat der Ikonenmaler das göttliche Licht, das auf Maria fällt, schwarz gemalt. Der unendliche, zeitlose Gott bricht in diese Welt ein. Das Schwarz wandelt sich zu den Rändern hin in ein tiefes Blau, ein helleres Blau und dann in Goldtöne. Inmitten des göttlichen Lichteinbruchs, inmitten der sakralen Nachtschwärze erscheint der auferstandene Christus im Sonnengold und auf seinem Arm trägt er einen Säugling, eingewickelt in Windeln oder Grabtücher. Der Vogel über ihm stellt einen Engel mit sechs Flügeln dar, wie ihn Jesaja bei seinen Himmelsvisionen sieht. 

Wer ist nun dieser Säugling auf dem Arm Jesu? Schauen wir zunächst auf Maria, sie liegt in jugendlicher Schönheit ohne Anzeichen von Schmerzen auf dem Totenbett. Sie liegt auf einem Steinbett oder auf der braunen Erde, ja sie gehört zur Erde, wie Adam und Eva, wie Sie und ich, ihre Gestalt ist vergänglich, ihr irdisches Dasein findet ein Ende. Alle schauen auf Maria: Die 12 Apostel mit Petrus im Vordergrund links  (Weihrauchfass) und Paulus rechts (wie ein Jesuit), zwei Bischöfe der frühen Kirche, einer davon ist Nikolaus in blauen Gewändern und Heiligenschein, zwei Frauen - eine erkennen wir als Maria Magdalena, die auch unter dem Kreuz steht. Alle Umstehenden sind tief betroffen vom Heimgang Mariens. Trauer und Schmerz erfüllt sie, denn Maria, die Mutter Jesu, ihre Mutter sie ist nicht mehr. Ihr irdisches Leben ist zu Ende. Das bewegt und erschüttert sie.

Wer den Tod eines geliebten Menschen am eigenen Leib erfahren hat, der weiß, wie hier eine ganze Welt zusammenbrechen kann. So sehe auch ich mich in diesem Bild als einen, dessen Augen noch gehalten sind, Augen die zurückschauen und noch nicht den Durchblick haben, die es noch nicht verstanden haben, was uns im Glauben zugesagt ist: Der Tod ist nicht das Ende. Gott ist und bleibt uns treu. Und so wie er Jesus nicht im Tod gelassen hat, so hat er auch Maria im Tod in ein neues unvorstellbares Leben hineingenommen.

Der Säugling auf dem Arm Jesu soll ein Bild dafür sein: Der Tod ist die Geburtsstunde für ein neues Leben. Deshalb feiert die Kirche auch seit alters her den Todestag eines Heiligen als Geburtsstunde für den Himmel. 

An Maria hat Gott den Weg vorgezeichnet, einen Weg auf dem wir alle gehen, wenn wir uns von Gott packen, anpacken lassen. Ein Weg der uns von Jesus selbst vorgegangen wurde, ein Weg zum völligen Abschied aus dieser Welt und zur Neugeburt für das ewige Leben. Ich bin glücklich, dass ich im Glauben weiß: Maria hat es geschafft, an Maria hat Gott seine Zusage wahr gemacht.

Gabriele Dries
Nach einer Vorlage von Erhard Heimburger Pfr. i.R.
Ikone: Malermönch Peter Jegor