St. Bonifatius Wiesbaden

Gemeindebrief 10/2014

GemeindebriefBenjamin Dahlhoff
Naṣārā ist bis heute die Bezeichnung der Christen im Koran und in der arabischen Welt im allgemeinen (z.B. Sure 2:110, 3:67). Der Plural Naṣārā wird dabei als syrisch-aramäisches Derivat von Nazaret verstanden.  2014 kennzeichneten Mitglieder der Organisation Islamischer Staat in von ihnen kontrollierten Gebieten im Irak Häuser von Christen mit einem Nūn (‏ن‎), dem arabischen Zeichen für N und Anfangsbuchstaben von naṣrānī. (Quellen: Wikipedia, Radio Vatican)

Naṣārā ist bis heute die Bezeichnung der Christen im Koran und in der arabischen Welt im allgemeinen (z.B. Sure 2:110, 3:67). Der Plural Naṣārā wird dabei als syrisch-aramäisches Derivat von Nazaret verstanden. 
2014 kennzeichneten Mitglieder der Organisation Islamischer Staat in von ihnen kontrollierten Gebieten im Irak Häuser von Christen mit einem Nūn (‏ن‎), dem arabischen Zeichen für N und Anfangsbuchstaben von naṣrānī. (Quellen: Wikipedia, Radio Vatican)

Liebe Leserin, lieber Leser.

Als am vorletzten Wochenende der Gemeindebrief für Oktober in den Kirchen lagen, wurden viele Gemeindemitglieder konfrontiert mit etwas Fremden. Mit den Autorinnen des Leitartikels, der Endredaktion des Ausschusses Öffentlichkeitsarbeit und Pfarrer Gras haben wir uns für einen schwarzen Einband mit dem arabischen Buchstaben "N" (nu) entschieden.

Dieses Symbol hat zwei Bedeutungen: Einerseits symbolisiert es den Schrecken, den die radikalislamische Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und Syrien verbreitet. Berichten des Radio Vatikan zu folge wurde das Symbol den Christen an die Hauswand geschrieben, um diese zu markieren. Viele Christen, aber auch andere muslimische und nichtmuslimische Menschen wurden grausam ermordet und zu hunderttausenden in die Flucht getrieben. Andererseits symbolisiert es aber auch den Widerstand und die Sympathie für die verfolgten Christen. Gerade in den sozialen Medien haben es sich viele Christen als "Avartar" eingerichtet um ihre Anteilnahme auszudrücken. 

In den vergangenen Tagen habe ich positive aber auch negative Kritik zu hören bekommen. Von "tolle Idee" bis "Geschmacklos" reichten die Kommentare. Kann man einen Gemeindebrief in schwarz gestalten und einen arabischen Buchstaben darauf abdrucken? Vielleicht überschreiten wir eine Grenze, indem wir nicht einfach nur ein Kunstwerk abdrucken oder indem wir uns aktuellen politischen Themen widmen. Wir haben bewusst heraus gefordert und hoffen, dass Sie, verehrte Lesende, sich mit dem Thema auseinander setzen.

Im Folgenden können Sie den Impuls und die drei Leitartikel noch einmal nachlesen.

Ihr

Benjamin Dahlhoff
Referent für Öffentlichkeitsarbeit


Impuls

Fremde

Fremdheit erfahren, Engagement zeigen, Christus begegnen

Nach 14 Monaten Elternzeit arbeitet Heiko Litz (43) wieder als Gemeindereferent in der Pfarrei St. Bonifatius. Von 2011 bis 2013 war er Ansprechpartner am Kirchort St. Mauritius. Seit dem 1.09. hat er sein Büro am Kirchort St. Elisabeth (50% TZ). Seine Schwerpunkte liegen in der Arbeit mit jungen Familien, im Beerdigungsdienst und als Ansprechpartner für die syrischen Flüchtlingsfamilien in St. Elisabeth. Heiko Litz ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Nach 14 Monaten Elternzeit arbeitet Heiko Litz (43) wieder als Gemeindereferent in der Pfarrei St. Bonifatius. Von 2011 bis 2013 war er Ansprechpartner am Kirchort St. Mauritius. Seit dem 1.09. hat er sein Büro am Kirchort St. Elisabeth (50% TZ). Seine Schwerpunkte liegen in der Arbeit mit jungen Familien, im Beerdigungsdienst und als Ansprechpartner für die syrischen Flüchtlingsfamilien in St. Elisabeth. Heiko Litz ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Liebe Leserin, lieber Leser. Haben Sie sich schon einmal fremd gefühlt? Wissen Sie noch was geholfen hat, um diese Gefühle zu besiegen? Haben Sie den ersten Schritt gemacht oder kamen Menschen auf Sie zu? Schon ein nettes „Hallo, wie geht’s?“ oder ein Lächeln kann diese unangenehme Situation auflösen, das Eis brechen, Grenzen auflösen. Im Grunde kann jede Begegnung mit Menschen und Situationen, die uns unbekannt sind, in uns Unsicherheit, Unbehagen oder sogar Angst auslösen. 

In Deutschland ist ein Streit über den Umgang mit Flüchtlingen entbrannt. Vertreter der katholischen Kirche hatten in den vergangenen Wochen mehrfach einen menschlicheren Umgang mit Flüchtlingen angemahnt. In der biblischen Überlieferung finden wir sehr deutliche Worte für den Umgang mit Fremden. Im 3. Buch Moses „Numeri“ 19,34 heißt es: „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen.“ 

Diese alttestamentarische Aussage wird bei Matthäus im Kapitel 25 zum Appell an die christliche Gemeinde: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“.Mit „ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen“ wird der Fremde gleichgestellt mit Christus.

Aber was tun angesichts der globalen Flüchtlingsbewegungen? Laut UNO-Flüchtlingshilfe sind 51,3 Millionen Menschen auf der Flucht. Die Hälfte davon sind Kinder. Neun von zehn Flüchtlingen leben in Entwicklungsländern, also nicht in Europa. Natürlich, die Aufnahme von zwei syrisch-christlichen Familien in St. Elisabeth ist nur ein erster Schritt. Immerhin! Ist es aber damit getan? Welche Schritte kann jeder einzelne von uns gehen, um unserem Glauben auch Taten folgen zu lassen? 

Ich möchte Sie dazu einladen, dass wir uns gemeinsam in der Sache Jesu auf diesen Weg machen. Einige Gemeindemitglieder engagieren sich schon in der Unterstützung der Flüchtlinge in Wiesbaden und könnten gut Ihre Hilfe brauchen!

Heiko Litz


Schwerpunkt des Monats

Das Fremde in mir

Gedanken zum Thema Frieden

Pastoralreferentin Stephanie Hanich

Pastoralreferentin Stephanie Hanich

In diesen Monaten spüren wir sehr deutlich, wie sehr die Welt des Friedens bedarf. Die Pulverfässer unserer Zeit machen sprachlos. Deshalb ist es naheliegend, den Frieden zum Thema des aktuellen Pfarrbriefs zu machen. Erschreckend ist für mich dabei, wie die Besorgnis erregenden Situationen an den Brennpunkten unserer Welt zeigen, dass der Auslöser für Gewalt immer wieder in Konflikten zwischen den Religionen wurzelt. Die Situationen im Irak oder in Syrien konfrontieren uns mit einer grausamen Wirklichkeit: Im Namen Gottes werden Menschen gequält, gefoltert und getötet. Dabei gibt es keinerlei religiöse Rechtfertigung für Gewalt, egal welche Form sie auch annimmt. Für Papst Franziskus sind die Religionen in besonderer Weise dazu aufgerufen, „sich zu Werkzeugen des Friedens, niemals des Hasses zu machen. Denn im Namen Gottes darf stets und ausschließlich die Liebe weitergetragen werden.“ (Papst Franziskus beim interreligiösen Spiel für den Frieden, Vatikanstadt, 1. September 2014)
Die Realität, die wir erleben, steht jedoch im krassen Gegensatz dazu. Aus Hilflosigkeit und Überforderung geschieht es schnell, dass nach Schuldigen gesucht wird, um mit einer solchen Extremsituation umgehen zu können. Wachsender Rechtsextremismus gegen Muslime oder Juden kann jedoch nicht die passende Antwort sein! Es ist wichtig, nicht zu verallgemeinern! Nicht der Islam ist das Problem, sondern Fundamentalismus und Extremismus. Solche Strömungen gibt es leider in allen Religions- gemeinschaften. Auch das Christentum hat seine Geschichte mit dieser Thematik. Im Namen des Glaubens wurden bei den Kreuzzügen im 12. und 13. Jahrhundert unzählige Muslime von den Kreuzrittern auf brutalste Weise im Namen des christlichen Glaubens verfolgt und ermordet.

Mut macht mir, dass sich in den Medien neben den vielen Schreckensmeldungen auch kleine Hoffnungsnachrichten finden lassen. Ein Beispiel ist ein Bericht in der Süddeutschen Zeitung über das interreligiöse Fußballspiel für den Frieden, zu dem Papst Franziskus Anfang September diesen Jahres internationale Fußballstars verschiedener Weltreligionen ins römische Olympiastadium einlud. Oder das jährlich stattfindende internationale Friedenstreffen der Gemeinschaft Sant´Egidio, wo religiöse Führungs- personen der großen Weltreligionen Wege suchen, gemeinsam für Frieden zu beten und zu arbeiten. In diesem Jahr fand es Anfang September in Antwerpen zum Thema „Peace is the future“ statt. Mit diesem Treffen setzten die Führungspersonen der großen Weltreligionen ein gemeinsames Zeichen der Solidarität und des Dialogs gegen Terrorismus und Fanatismus. 

Um Frieden zu schaffen, braucht es Mut, sehr viel mehr, als um Krieg zu führen.
Es braucht Mut, um Ja zu sagen zur Begegnung und Nein zur Auseinandersetzung; Ja zum Dialog und Nein zur Gewalt; Ja zur Verhandlung und Nein zu Feindseligkeiten; Ja zur Einhaltung der Abmachungen und Nein zu Provokationen; Ja zur Aufrichtigkeit und Nein zur Doppelzüngigkeit. Für all das braucht es Mut, eine große Seelenstärke. Die Geschichte lehrt uns, dass unsere alleinigen Kräfte nicht ausreichen. Mehr als einmal waren wir dem Frieden nahe, doch dem Bösen ist es mit verschiedenen Mitteln gelungen, ihn zu verhindern. Deshalb sind wir hier, denn wir wissen und glauben, dass wir der Hilfe Gottes bedürfen.
Wir lassen nicht von unseren Verantwortlichkeiten ab, sondern wir rufen Gott an als Akt höchster Verantwortung unserem Gewissen und unseren Völkern gegenüber. Wir haben einen Ruf vernommen, und wir müssen antworten - den Ruf, die Spirale des Hasses und der Gewalt zu durchbrechen, sie zu durchbrechen mit einem einzigen Wort: ‘Bruder’. Doch um dieses Wort zu sagen, müssen wir alle den Blick zum Himmel erheben und uns als Söhne eines einzigen Vaters erkennen.
— Anrufung des Friedens für den Nahen Osten, Auszug aus Ansprache von Papst Franziskus beim Gebetstreffen mit Abbas und Peres, Vatikanstadt, 8. Juni 2014

In seinem Grußwort schrieb Papst Franziskus: „Die Zeit ist gekommen, dass die Religionsoberhäupter wirksamer zusammenarbeiten, um die Wunden zu heilen, Konflikte zu lösen und Frieden zu suchen. Der Friede ist ein sicherer Hinweis auf den Einsatz für die Sache Gottes. Die Religionsoberhäupter sind aufgerufen, Männer und Frauen des Friedens zu sein. Sie können eine Kultur der Begegnung und des Friedens fördern, wenn andere Optionen scheitern oder Schwächen zeigen. Wir müssen Friedensarbeiter sein, und unsere Gemeinden müssen Schulen für den Respekt und den Dialog gegenüber den anderen ethnischen oder religiösen Gruppen sein. Sie müssen Lernorte zur Überwindung von Spannungen, zur Förderung von gleichberechtigten und friedfertigen Beziehungen unter Völkern und sozialen Gruppen sein und eine bessere Zukunft für die kommenden Generationen aufbauen.“ (Botschaft von Papst Franziskus zum Treffen „Peace is the future“, Vatikanstadt, 26. August 2014)
Frieden wünschen sich alle. Aber dieser Wunsch darf nicht abstrakt oder eine Sache der Religionsoberhäupter bleiben. Er beginnt nicht bei den Anderen, sondern immer zuerst bei mir selbst. In meinem eigenen Leben und meinem Alltag will Friede gelebt werden. Er darf keine abstrakte Idee bleiben. Frieden beginnt damit, dass ich als erstes das Fremde in mir selbst annehmen und schätzen lerne! Doch die wirkliche Auseinandersetzung mit dieser Thematik kostet mich etwas, weil sie meine persönlichsten Überzeugungen betrifft und berührt.
Aber was heißt es, das Fremde in mir annehmen und schätzen zu lernen?! Der erste Schritt hin zum Frieden braucht zuallererst meine Bereitschaft, den engen Horizont meiner eigenen Interessen zu verlassen, um mich im Dialog wirklich, aufrichtig und ehrlich mit dem Anderen auseinander zu setzen. 

Er kostet mich den Mut, mich selbst und meine Ansichten und Überzeugungen auch in Frage stellen zu lassen. Außerdem fordert mich der Wunsch nach Frieden heraus, nicht immer darauf zu beharren, den Anderen von meiner Meinung überzeugen zu müssen. Dafür muss ich es annehmen können, dass mein Gegenüber auch Positionen vertritt, mit denen ich nicht übereinstimme. Diese Spannung, die Unterschiedlichkeit und Vielfalt mit sich bringen, auszuhalten, ist eine Herausforderung und bedarf der persönlichen Auseinandersetzung. 

Es ist zutiefst menschlich: Das, was anders ist, macht mir zunächst Angst, weil es mich und meine Sicht auf die Dinge in Frage stellen könnte. Wenn ich mir meinem eigenen Fundament jedoch bewusst bin, kann ich ohne Angst in den Dialog treten. Denn ich erkenne den eigenen Reichtum. Dann kann ich auch den Reichtum des Anderen sehen und mich davon beschenken lassen, ohne dass meine eigene Identität davon bedroht ist. Nur durch eine solche konstruktive Weise des gemeinsamen Austauschs können gegenseitige Vorurteile abgebaut werden. 

Ein wirklicher Dialog, der gegensätzliche Positionen stehen lassen und aushalten kann, ohne eine absolute Wahrheit festklopfen und durchboxen zu wollen, ist Zeichen von Toleranz und Respekt. Aber er wird mich immer etwas kosten: Dass ich das Fremde in mir selbst entdecke und annehmen lerne. Denn wenn ich nicht mit mir selbst im Frieden bin, kann ich auch nicht mit jemand anderem in Frieden leben.

Stephanie Hanich, Pastoralreferentin


Schwerpunkt des Monats

„Selig seid Ihr, wenn ihr um meinetwillen verfolgt werdet“

Christenverfolgung im Irak

Diana Shimoai  

Diana Shimoai

 

Mein Name ist Diana Shimoail. Ich bin aktives Gemeindemitglied in St. Bonifatius. Geboren und aufgewachsen bin ich in Deutschland. Meine Wurzeln liegen aber im Irak. Deswegen ist es mir ein Anliegen, einige meiner Gedanken zu der aktuellen Krise im Irak mit Ihnen zu teilen.
In den Seligpreisungen des Matthäusevangeliums heißt es: „ Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet“ (Mt 5,11). Diese Bibelstelle wird durch die aktuelle Situation der Christen im Irak oder in anderen Ländern unserer Welt erschreckend konkret. Heute gibt es mehr Christen, die für ihren Glauben verfolgt und getötet werden, als in den ersten Jahrhunderten der frühen Kirche. Damals kamen im römischen Reich bis zum Mailänder Toleranzedikt des Kaisers Konstantin im Jahr 313 unzählige Christen ums Leben.

Das Nebeneinander von Religionen stellt in vielen Ländern des Mittleren und Nahen Ostens Probleme dar. Die langjährige Problematik in Israel zeigt, wie zunehmend schwerer es ist, dass verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Glaubensrichtungen in einem Land friedlich zusammen leben können.

Der Irak steht seit einigen Wochen nun auch im Zentrum der Weltnachrichten und der Medien. Was dort vor Ort, speziell im Norden Iraks, vor sich geht, regt Friedensstiftungen an, die Opfer und Betroffenen dort in ihr Gebet einzuschließen und Hilfsorganisationen regt es an, ihnen direkt vor Ort zu helfen.

Dieser Artikel soll nicht die Fakten darlegen, die schon bereits seit Wochen in den Medien kursieren, sondern auf die Bedeutung des Iraks eingehen. Die Bilder und Fakten, die seit Wochen in den Nachrichten kursieren, sind uns allen bekannt. Doch was bedeutet diese Situation für die Menschen vor Ort? Aramäer, Chaldäer, Assyrer und Armenier bilden die Gruppierung der Christen im Irak. Vor Beginn des ersten Golfkrieges im Jahr 1980 lebten schätzungsweise 4-5 Millionen Christen dort. Diese Zahl verringerte sich von Krieg zu Krieg. Heute werden schätzungsweise eine halbe Millionen Christen gezählt, inklusive den Flüchtlingen.

Mich erfüllt es mit Traurigkeit und Angst, wenn ich sehe, was dort vor Ort geschieht. Wie kann es möglich sein, dass eine Kultur, eine Religion, die im Irak zum größten Teil die Zivilisation mit aufgebaut hat, nun so behandelt und verfolgt wird? 
In Mossul, einer Stadt im Norden Iraks, haben die Gräuel vor Wochen ihren Höhepunkt erreicht: Den Christen vor Ort wurde von der islamistischen Gruppierung ISIS (Die Abkürzung aus dem Englischen für „Islamic State in Iraq and Syria“) ein Ultimatum gestellt. Entweder sie zahlen hohe Kopfsteuern und konvertieren zum Islam oder sie werden getötet. Die Haustüren wurden mit dem arabischen Buchstaben „N“ für Nazarener versehen. Es bedeutet Christ im negativen Sinne. Dies erinnert auf erschreckende Weise an die Judenverfolgungen im Mittelalter und im Dritten Reich, wo Juden mit einem Stern kenntlich gemacht wurden. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen. 
Man darf dabei nicht das Schicksal anderer ethnischer Minderheiten außer Acht lassen, wie etwa die Yeziden. In den letzten zwei Monaten wurden 3000 Yeziden im Nordirak umgebracht. Bei den Yeziden handelt es sich um eine nordkurdische, religiöse Minderheit, die vor allem im Südosten der Türkei und im Norden Iraks beheimatet sind. Jahrzehntelang lebte in den Bergen Nordiraks das yezidische Volk in Frieden mit den Christen zusammen. 

Doch was wir momentan durch die Medien erfahren ist nicht die erste Verfolgung seitens fanatischer Muslime im Irak einer bestimmten religiösen Gruppierung gegenüber. Was wenigen bekannt ist, ist der Fakt, dass nach dem Ende des Königtums Ende der 1950er Jahre im Irak Juden vertrieben und verfolgt wurden. Anfang der 1960er Jahre begann man, die Christen zu unterdrücken und an den Rand der Gesellschaft zu treiben.

Aber auch die stark fanatisch, islamistischen Bewegungen in Deutschland, die erst kürzlich in den Medien waren, versetzen mich und viele andere Christen aus dem Irak, die in Deutschland und in anderen Ländern leben, in Angst. Zu hören und zu sehen, dass beispielsweise in Wuppertal eine erste „Scharia-Polizei“ durch die Straßen Wuppertals läuft, um jungen Menschen den rechten Weg zu weisen, schockiert mich zutiefst. Der Hintergrund der Scharia ist das islamische Gesetz. Natürlich leben wir in einem freien, demokratischen Staat, wo jeder Mensch seine Meinung frei äußern kann. Ich finde es aber persönlich sehr gewagt, solchen Gruppierungen, die eben solche Gräueltaten im Irak oder in Syrien unterstützen, solch eine Freiheit zu gewähren. In einem Land wie Deutschland Menschen vorzupredigen, dass Alkohol, Glücksspiele oder Konzerte nach den Regeln der Scharia nicht erlaubt seien, halte ich für eine Bedrohung.

Den Menschen, die für die Gräueltaten und die Verfolgungen im Irak verantwortlich sind, ist gar nicht bewusst, welche Bedeutung der Irak von seinem Ursprung her für alle drei abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam) eigentlich trägt. Die beiden großen Flüsse Euphrat und Tigris, die als Mittelpunkt der Schöpfungserzählung erwähnt werden, befinden sich beispielsweise dort (vgl. Gen 2,14). Auch der Ursprungsort der Sippe Abrahams befindet sich in der irakischen Stadt Ur, heute Teil el-Muqejjir genannt (vgl. Gen 15,7).

Als jemand, der in Deutschland geboren wurde und hier in Freiheit und Frieden aufwächst, bedauere ich es umso mehr, dass in einem Land, in dem die Schrift und viele andere wissenschaftliche Elemente entwickelt wurden, Freiheit nicht möglich ist. Menschen werden aufgrund ihres Glaubens verfolgt, Menschen, die Teil hatten an der Entwicklung eines Landes, das geschichtlich von sehr großer Bedeutung ist. Selbstdestruktives und fanatisches Verhalten zerstören das Land, das einst Heimat war für so viele verschiedene ethnische Gruppierungen.

Von meinen irakischen Freunden, die im Irak selbst geboren sind, weiß ich auch, wie sie zu der ganzen Sache stehen: Sie sagen, dass es frustrierend sei mit ansehen zu müssen, dass ein solch kulturreiches und historisch wertvolles Land wie der Irak von solch ignoranten Menschen geradezu zerstört wird. Man sollte den Christen, die in der Vergangenheit einen großen Teil dazu beigetragen haben, dass der Irak einst ein Land der Blüte war, mehr Schutz und Verteidigung schenken. Das Sichern ihrer Rechte sollte das höchste Ziel der irakischen Regierung sein. Schließlich hat jedes Volk ein Recht auf Frieden und Sicherheit.

Es bleibt zu hoffen, dass die Grausamkeiten im Irak, die von den ISIS-Milizen angerichtet werden, durch Interventionen von Seiten der UNO ein baldiges Ende finden. Würden die Stifter der großen Religionsgemeinschaften wissen, dass im Namen Gottes solche blutigen Kriege geführt werden, würden sie, wie Jesus vor der Toren Jerusalems, vor der Welt stehen und weinen (vgl. Lk 19,41).

Diana Shimoail

Kommentar

Zur Situation der Muslime im Irak und Syrien von Dr. Frank van der Velden

Dr. Frank van der Velden ist seit 1.8.2014 Leiter der katholischen Erwachsenenbildung in Wiesbaden und hat zuvor 17 Jahre in Ägypten und in den Ländern der Region des Nahen Orients gearbeitet. Foto: Bistum Limburg

Dr. Frank van der Velden ist seit 1.8.2014 Leiter der katholischen Erwachsenenbildung in Wiesbaden und hat zuvor 17 Jahre in Ägypten und in den Ländern der Region des Nahen Orients gearbeitet. Foto: Bistum Limburg

In Bezug auf den engagierten Artikel von Diana Shimoail wäre vielleicht noch eine Sache zu ergänzen: Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts galten Syrien und mit Einschränkung auch der Irak als Länder, in denen das Zusammenleben der religiösen Minderheiten mit dem Mehrheitsislam einigermaßen unproblematisch verlief. Noch aus dem Herbst 2002 lassen sich in einer Reaktion auf den 11. September 2001 offizielle Dialogdokumente finden, in denen syrische Kirchenführer gemeinsam mit den höchsten sunnitischen und schiitischen Autoritäten der Region nach Lösungen im damals befürchteten „Kampf der Kulturen“ suchen. Was ist eigentlich seitdem, und insbesondere in der jüngsten Bedrohung durch islamistische Milizen und extremistische Terrorgruppen, aus diesen dialogbereiten sunnitischen und schiitischen Muslimen der Bevölkerungsmehrheit im Irak und in Syrien geworden? Auch ihnen gegenüber gilt heute das Ultimatum des IS: Entweder sie ‚bekehren‘ sich zum Radikalismus oder sie werden vertrieben, im Extremfall getötet. Denn der Hass und die Verfolgung der IS beginnen im eigenen „Haus des Islam“ und wenden sich mit gleicher Verve gegen die Toleranten in den eigenen Reihen – und natürlich gegen solche Muslime, die erkennbar anders sind, also z.B. Schiiten.

Vertreibung und Tod sind somit kein ausschließliches Problem der religiösen Minderheiten, sondern sie betreffen in gleicher Form alle Muslime der Region, die sich der Gehirnwäsche durch den IS und vergleichbare Organisationen entziehen wollen oder gar sich zu widersetzen wagen – und deswegen teilen wir unser Entsetzen über den Zusammenbruch der ehemals gedeihlichen religiösen Nachbarschaft in der Region des Nahen Ostens auch mit der überwiegenden Mehrheit der Musliminnen und Muslime dort, wie auch mit so gut wie allen muslimischen Gemeinden hier bei uns in Deutschland.