St. Bonifatius Wiesbaden

Pfingsten

Theologie SpiritualitätBenjamin Dahlhoff

Wer ist der Heilige Geist?

Wer oder was ist eigentlich der Heilige Geist? Gott, der Vater, der die Welt erschaffen hat und auf seine Weise alles lenkt und in seiner Hand hält, und sein Sohn Jesus Christus, der Mensch geworden ist, um uns so deutlich wie für uns nur irgend möglich vor Augen zu führen, wie Gott ist, passen ganz gut in unsere Vorstellungswelt. Doch der Heilige Geist? Ohne Frage der Teil der Heiligen Dreifaltigkeit, der am schwersten zu fassen ist, kann doch keiner sagen, wie er aussieht. Aus lauter Verlegenheit bleibt oft von ihm in der allgemeinen Wahrnehmung lediglich eine weiße Taube, die irgendwie für ein bisschen Frieden, Freude und Gemeinschaft zuständig ist.

Schaut man in die Heilige Schrift, spürt man dort zunächst dieselbe Schwierigkeit. Denn immer da, wo unsere Sprache nicht recht hinreicht, um einen theologischen Sachverhalt in Worte zu fassen, verwendet die Bibel Bilder, wie etwa in den Beschreibungen des Gottesreiches, den endzeitlichen Visionen der Apokalypse oder eben in der Beschreibung des Heiligen Geistes. Bei der Taufe Jesu im Jordan durch Johannes begegnet der Heilige Geist in Gestalt der Taube. Doch das ist nicht alles: Im Pfingstbericht der Apostelgeschichte ist von einem heftigen Brausen die Rede und von Feuerzungen, die sich auf den Köpfen der Jünger niederlassen. In Johannes 3 ist er der nicht greifbare Wind, der weht, wo er will; in Lk 11,20, zusammengenommen mit Mt 12,28, der Finger Gottes, der die Dämonen austreibt; im Lukasevangelium und im 2. Korintherbrief schließlich Salbung und Siegel.

Doch all das sind Bilder, der tastende Versuch zu beschreiben, wer der Heilige Geist ist. Anscheinend kommt es letztlich nicht darauf an, den Heiligen Geist mit unseren äußeren Sinnen zu erfassen, wir können ihn nicht äußerlich sehen, hören oder fühlen. Vielmehr lockt uns der Heilige Geist, uns unseren inneren Sinnen zuzuwenden, um ihn dort zu finden. „Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt?“ (1 Kor 6,15)

Die Bibel verwendet daher nicht nur Bilder, um den Heiligen Geist zu beschreiben. Das Eigentliche, das uns von ihm dort berichtet wird und woran er tatsächlich zu erkennen ist, sind bestimmte Wirkungen, die im Inneren des Menschen ihren Ursprung haben.

Er fungiert als Wegweiser – etwa wenn Philippus hinter dem Wagen des fragenden Äthiopiers her geschickt wird (Apg 8,26-40): „Und der Geist sagte zu Philippus: Geh und folge diesem Wagen.“ Vermutlich ist auch dies bildliche Sprache – Philippus wird nicht eine Stimme gehört haben, die ihm konkret sagt, was zu tun sei. Doch kennen wir es aus unserem eigenen Alltag auch, dass uns eine Intuition oder unser Gewissen zu einem bestimmten Menschen treibt, um mit ihm in den Austausch zu gehen.

Der Heilige Geist ist im Römerbrief derjenige, der, wenn wir nicht wissen, wie wir beten sollen, für uns eintritt „mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können“ (Röm 8, 26). Da, wo unser Gebet über auswendig gelernte Gebetstexte und -handlungen hinaus plötzlich zum Leben erwacht und mit einer ungekannten Sehnsucht erfüllt wird, ist der Heilige Geist am Werk.

Manchmal stellen sich in uns eine „Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung“ ein, wovon wir spüren, dass wir sie nicht selbst erzeugt haben können. Die Bibel spricht hier von der „Frucht des Heiligen Geistes“ (Gal 5,22).

Schließlich ist es der Heilige Geist, der die unterschiedlichen Charismen verteilt: „Wir haben unterschiedliche Gaben, je nach der uns verliehenen Gnade“ (Röm 12,6). Manchmal habe ich den Eindruck, es treibt uns immer wieder ein inneres Pflichtbewusstsein, in dem wir uns selbst und gegenseitig Dinge abverlangen, die man unserem Verständnis nach als Christ, als Familienvater, als Mitarbeiter in einem bestimmten Bereich eben zu tun hat, weil sie dazugehören. Bestimmt gibt es in jedem Bereich und in jedem Lebensstand Aufgaben, die zu erledigen sind, auch wenn wir sie nicht lieben. Doch grundsätzlich lehrt uns die Bibel – und das kann eine große Befreiung für den Einzelnen sein: Jeder soll das tun, das ihm verliehen ist, nicht mehr und nicht weniger – und er soll es gerne tun! 

Es scheint mir daher wichtig, dass wir immer wieder in Zeiten der Stille und des Gebetes in uns hineinhören, ob das, was wir im Leben tun, uns wirklich inneren Frieden schenkt. Ob es das ist, was für mich und meine Umwelt zu mehr Frieden, Freiheit und Liebe führt. Denn nur dann können wir den Plänen Gottes mit uns näherkommen. Das, was Gott mit uns vorhat, ist nicht ein uns äußerlicher Wille, der uns irgendwohin lenkt, ob wir es wollen oder nicht. Es ist das, was unserem Wesen im Innersten entspricht. Der frühere Aachener Bischof Klaus Hemmerle bringt es in folgende schöne Worte: Wenn einer dem Heiligen Geist gemäß handelt, „dann wirkt in ihm etwas, das nicht nur er selbst ist. Und es wirkt gerade in dem, was am meisten ‚sein‘ ist: in seinem Sprechen, Sehen, Wollen, seiner Spontaneität, seinem Verhalten zu den anderen, zur Welt, zu sich selbst. Es ist, als ob in die Quelle, die er selber ist, eine tiefere Quelle sich einspeiste. Es ist, als ob in dem Licht, das er ausstrahlte, ein anderes Licht durchstrahlte, ein Licht, das er nicht von einer äußerlich sichtbaren Lichtquelle her empfing und dann widerspiegelte, sondern das sein eigenes Lichtsein durchwirkt. Aus dir spricht und wirkt mehr als nur du!“ 

Doch würde man den Heiligen Geist bloß auf die je eigene Innerlichkeit beschränken, griffe man zu kurz. Denn jedem „wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt“ (1 Kor 12,7). Die verliehenen Begabungen sollen einander ergänzen – Paulus vergleicht daher die Christen mit den verschiedenen Gliedern eines Leibes in ihren je unterschiedlichen Aufgaben für das Ganze.

Somit ist der Heilige Geist nicht bloß ein Accessoire in Form einer Taube, das uns ein wenig an Frieden und Gemeinschaft erinnern soll. Er wird uns zur inneren Stimme des Gewissens, die uns den Weg weist. Er ist die Kraft, die in uns betet. Er zeigt uns, wie wir uns in unseren Begabungen am besten entfalten und darin anderen dienen können. Doch auch auf diese Wirkungen ist der Heilige Geist nicht zu beschränken. Er bewirkt in all dem und durch es hindurch unendlich viel mehr. Jesus selbst gibt uns in seinen Abschiedsreden den entscheidenden Hinweis: „Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ (Joh 14,26).

Jesus redet nicht nur, er ist, was er sagt. In ihm sehen und erfahren wir, wer und wie Gott, der Vater, ist. Und wenn er uns seinen Heiligen Geist sendet, kommt dieses Wirken Gottes in Jesus erst in uns an. Dann wird das, was wir an Weihnachten, in den Kar- und Ostertagen und das ganze Jahr hindurch feiern, erst in uns lebendig. Dann erfahren wir konkret, wie Christus unseren inneren Menschen in unserer je eigenen Lebensgeschichte heilt und befreit. Dann erfahren wir konkret, wie alles, was uns von Gott, den Menschen und uns selbst entfernt, wie unser Egoismus stirbt und wir zum Leben mit und für Gott auferstehen. Dann bekommen wir schon jetzt eine Ahnung davon, mit welch unvorstellbar großer Liebe Christus jeden einzelnen von uns anblickt.

Johannes Chrysostomus sagt, Ostern ist das Fest aller Feste – denn mit der Auferstehung Christi von den Toten steht und fällt unser christlicher Glaube. Doch er sagt auch, Pfingsten ist die Metropole, die Hauptstadt der Feste, es setzt also noch eins auf Ostern drauf. Denn wenn wir noch so gut die Lehrsätze unseres Glaubens auswendig können und vielleicht auch intellektuell durchdringen – wenn der Heilige Geist die Wirklichkeit des Glaubens an die Auferstehung nicht in unseren Herzen lebendig macht und mit unserem persönlichen Leben und unserer je eigenen Erfahrung verbindet, bleibt das christliche Leben letztlich hohl und leer. Ja, es kann sich sogar ins Gegenteil verkehren – der beste Theologe, der die Wahrheiten des Glaubens am klarsten durchdringt, ist der Teufel, sagt Papst Franziskus in einer seiner Predigten. Ihm fehlt das, was das Innerste des Christentums ausmacht: die Liebe, die Gott selbst ist (1 Joh 4,16).

Und schließlich erkennen wir im Heiligen Geist nicht nur die Liebe Gottes, die an uns selbst wirkt. Denn in der Ausübung ihrer Charismen ist es nicht irgendein Leib, den die Christen bilden. „Ihr aber seid der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied an ihm“ (1 Kor 12,27). Wenn jeder das tut, das ihm vom Heiligen Geist für den Aufbau des Leibes Christi aufgetragen ist, wird Jesu liebendes Tun in uns gegenwärtig. Wir leihen dann ihm, Christus, unsere Hände, unsere Füße, unseren Mund, letztlich unser Herz. Denn wir Christen sind es, in denen durch die Sakramente und den Heiligen Geist Jesus weiterhin in dieser Welt lebt. Durch uns sollen die Menschen erkennen, wie Gott ist und wie sehr er uns liebt. Paulus bringt dies in die Worte: „Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir.“ Einer hoher Anspruch, aber auch eine große Gnade und Erfüllung in Momenten, in denen dies in uns Wirklichkeit wird…

Ich glaube, wir können nicht genug um den Heiligen Geist beten, dass er uns in einer inneren Stimme zum Guten treibt, dass er in uns betet und dass er die von ihm verliehenen Charismen in uns zur Entfaltung bringt. Wenn dadurch Christus in uns lebendig wird, wird das mit Sicherheit zu mehr Frieden und liebevoller Gemeinschaft in dieser Welt beitragen, für die die Geisttaube in der allgemeinen Wahrnehmung zum Symbol geworden ist – und es wird neugierig machen auf die Hoffnung, die uns erfüllt (1 Petr 3,15).

Komm, Heiliger Geist!!!

Pastoralreferentin Anna Niem