St. Bonifatius Wiesbaden

Heute schon gelebt?

Theologie Spiritualität, GemeindebriefBenjamin Dahlhoff

Viele Fragen und eine offene Schatzkiste

An meiner Pinnwand hängt eine Karte in verheißungsvollem, sattem Blau. Ein Blau, das an einen strahlenden Sommerhimmel erinnert oder an leuchtendblauen Samt in einer Schatztruhe. Aus diesem Blau schauen mich zwei Fragen an, sie meinen zweifellos mich – und möglicherweise auch Sie:

„Heute viel geschafft?”, fragt der Kopf.
„Heute schon gelebt?”, fragt das Herz. 

Ich lade Sie ein, die Lektüre dieses Artikels für einen Moment zu unterbrechen und bei diesen Fragen zu verweilen. Vielleicht mögen Sie eine oder beide Fragen laut oder leise wiederholen. Spüren Sie etwas, oder bleiben Sie heute im Denken? 

Zwei kleine Fragen, die in der Lage sind, Vielfältiges anzustoßen: Sie können mir einen Hinweis geben, wo ich gerade stehe, was mich bewegt, wie ich meine Prioritäten setze. Sie können Worte, Bilder, Erinnerungen oder Zukunftsträume in mir wecken. Sie können weitergehende Fragen auslösen, von praktischen Anstößen bis zu Sinnfragen. 

Was mich daran fasziniert: Die beiden Fragen liegen auf unterschiedlichen Ebenen und gehören doch zusammen: Wenn wir beide Ebenen verbinden, gut auf Kopf und Herz, Körper und Intuition hören, kommen wir uns selbst auf die Spur und erkennen, wer wir sind und wie wir jetzt im Leben stehen. 

Im Alltag trennen viele Menschen diese Ebenen: In der Berufs- und Arbeitswelt dominiert der Kopf. Gefühle und die zentralen Bedürfnisse des Körpers kommen erst an zweiter Stelle oder werden sogar vernachlässigt. Leistung zählt und der Fokus liegt auf der Kosten-Nutzen-Bilanz. Wo bleibt Raum für das Leben?

Manche richten sich daneben ein „Reservat“ ein, auf dem LEBEN steht. Am Wochenende, im Urlaub darf das zum Vorschein kommen, was nicht in mein Arbeitsleben passt: freie und unverplante Zeit, zweckfreies Tun, manchmal unvernünftiges Tun. Ihnen fällt bestimmt noch mehr ein.

Aber dem „Reservat Leben” ergeht es wie vielen Reservaten der Erde: Es ist bedroht, und die Invasoren gehen geschickt vor, um die Grenzen zu unterwandern. Sie versprechen Anerkennung, sozialen Aufstieg (oder zumindest keinen Abstieg), Besitz, vielleicht einen Titel. Doch wie hoch ist der Preis dafür?

Was ist mir der Tag wert, an dem ich mit den Kindern spiele, ohne auf die Uhr zu schauen? Die Stunde am See, in der ich das Farbenspiel am Horizont beobachte, wie der Mond aufgeht? Was ist es mir wert, wenn ich neue Interessen und Fähigkeiten an mir, an meinen Freunden, am Partner entdecke? Und wenn wir sogar noch Raum und Zeit haben, diese neuen Interessen auszuprobieren?

Wie fühlt sich das an, wenn ich neue, kreative Ideen habe, die aus meiner Mitte kommen und nicht beabsichtigt sind? Was ist mir die Stunde wert, in der ich Gott und seiner Schöpfung ganz nahe und ein Teil von ihr bin? Wo mich die Frage „Heute schon gelebt?“ nicht berührt, weil ich mitten drin bin im Leben? 

Wir haben einen „Erfahrungsschatz“, in dem diese besonderen Momente gesammelt sind. Schauen Sie doch mal in ihre persönliche Schatzkiste. Staunen sie, was sie dort entdecken an „Vergessenem“, an Wertvollem, Lustigem und Schönem. Vielleicht macht Sie das neugierig, mal wieder mit offenenSinnen auf „Schatzsuche“ durch die Welt zu gehen. „Heute viel geschafft ?“ und „Heute schon gelebt ?“ – beides braucht Raum in unserem Leben, braucht Zeit, unsere Aufmerksamkeit und unsere Kraft. 

Marion Lindemann, Gemeindereferentin