St. Bonifatius Wiesbaden

Die Kar- und Ostertage

Theologie SpiritualitätBenjamin DahlhoffComment

Alle Jahre wieder…

Und wieder sind sie da, die drei heiligen Tage, in denen uns die Liturgie der Kirche so eindrücklich das Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi vergegenwärtigt. An meiner letzten Arbeitsstelle sagte jemand zu mir mit Blick auf diese liturgischen Feiern: „Eigentlich ist es ja jedes Jahr dasselbe, was wir da feiern“, verbunden mit der Frage, ob es nicht genügen würde, einmal dabei gewesen zu sein. Oder zumindest bloß ab und zu, immer wieder einmal nach ein paar Jahren jeweils, wenn das Erlebte in Vergessenheit zu geraten droht. Wozu die ständige Wiederholung? Jedes Jahr (fast) dieselben Lesungen, Lieder und Predigten, die uns an das Geschehen damals in Jerusalem erinnern.

Doch genau hier liegt der Gedankenfehler. Es geht nicht nur um die Erinnerung an längst Vergangenes. Denn was wäre so besonders an letztem Abendmahl, Leiden, Tod und Auferstehung Jesu Christi, wenn es sich lediglich um längst vergangene geschichtliche Ereignisse handelte, an die wir uns bloß erinnern wie an andere Ereignisse aus den Geschichtsbüchern? Wenn Jesus lediglich ein Mensch wie Du und ich gewesen wäre, und sei es ein noch so vorbildhafter und besonderer?

Kreuzverehrung am Karfreitag 2015 in Dreifaltigkeit. 2015 Benjamin Dahlhoff

Kreuzverehrung am Karfreitag 2015 in Dreifaltigkeit. 2015 Benjamin Dahlhoff

Ein einziges Wort aus der Liturgie des Gründonnerstag liefert uns einen Schlüssel: „heute“. Im Anschluss an die Einsetzungsworte fügt der Priester hinzu: „Das ist heute“. Heute feiert Jesus das letzte Abendmahl mit seinen Jüngern, heute geht er mit ihnen zum Ölberg, heute wird er verraten und verleumdet, heute nimmt er seinen Kreuzweg auf sich und stirbt am Kreuz, heute ruht er im Grab, heute überwindet er den Tod in seiner Auferstehung und begegnet den trauernden Jüngern. Denn was ihm geschieht, geschieht ihm nicht nur als Mensch, sondern er durchlebt es zugleich als Gott und nimmt in seiner Himmelfahrt dieses Geschehen mit in die Ewigkeit des Vaters.

Wenn wir diese Tage begehen, ist dies also weder reine Erinnerung noch eine Wiederholung, quasi eine vervielfältigende Kopie des Geschehenen, beides würde nicht dem erlösenden Charakter der Liturgie dieser Tage gerecht. Ist mit Christus das Geschehen der Kar- und Ostertage in die göttliche Ewigkeit eingegangen, dann ist und bleibt es eine Realität, die unsere Gegenwart durchdringt, wenn wir sie vergegenwärtigend feiern. Doch müssen diese Feiern auch mit unserem Alltag verknüpft werden, sonst bleiben sie leer und nichtssagend. Es genügt nicht, quasi im luftleeren Raum daran zu glauben, dass Jesus Christus Mensch geworden ist, gelitten hat, gekreuzigt wurde und auferstanden ist. 

Feiern wir diese Tage losgelöst von unserem menschlichen Alltag und nur in dem gelernten Wissen darum, dass Christus Gott und Mensch und unser Herr ist, bleibt dies letztlich eine abstrakte Pflichtübung, der der innere Sinn fehlt. Dieser innere Sinn erschließt sich erst da, wo es uns gelingt, das Geschehen dieser Tage mit dem Alltag unseres persönlichen Lebens und dem der ganzen Welt zu verknüpfen.

Jeder von uns erfährt auf seinem Weg unzählige Situationen von Abschied, Schmerz, Leid, Schuld und Tod, im Kleinen wie im Großen. Und auch in Zeiten, wo es uns persönlich gut geht, sprechen doch die täglichen Nachrichten vom unsäglichen Leid kriegs-, flucht- und terrorgeplagter Menschen, selbst in unserem Land, nicht zu schweigen von den grausamst verfolgten Christen in vielen Weltgegenden. Diese Erfahrungen und Nachrichten verändern uns. Entweder wir verzweifeln, verbittern und geraten in ein ständiges Jammern, oder wir wachsen an ihnen auf geheimnisvolle Weise. Das kann geschehen, indem wir uns Hoffnung schenken lassen aus der Feier dieser Tage, ein tiefes Wissen darum, dass Leid, Sünde und Tod nicht das letzte Wort haben, sondern dass die Trauer darum Vorbote der Auferstehung zu erlöstem und vollkommenem Leben ist.

Im Mitfeiern der Gottesdienste und Liturgien der Kar- und Ostertage dürfen wir unser eigenes Leben und unsere in vielem so heillos erscheinende Welt in Verbindung setzen mit dem Weg, den Jesus Christus für und mit uns gegangen ist. Im Mitgehen des Kreuzweges und in der Verehrung des kostbaren und lebenspendenden Kreuzes legen wir mit den Blumen all die ungelösten und scheinbar hoffnungslosen Situationen unseres Alltags vor unserem Herrn nieder und können uns Zeit nehmen, sie in der Stille des Karsamstags zu betrachten.

Vieles erscheint hoffnungslos in unserem Leben und erfüllt uns mit tiefer Ratlosigkeit und Trauer, das kann niemand schönreden. Doch dürfen wir als Christen Jahr für Jahr mit unserem Herrn durch sein und unser persönliches Leiden hindurchgehen hin zum Fest der Auferstehung und daraus Mut und Hoffnung schöpfen für unsere eigenen Wege – die Hoffnung, dass Christus auch heute alle Leidenswege mitgeht und auch an ihrem Ende Leid und Tod nicht das letzte Wort haben, sondern sie und mit ihnen wir verwandelt werden hin zu Auferstehung, Licht und Leben.
Ja, wir feiern jedes Jahr dasselbe. Aber wir, die wir feiern, sind nie dieselben, sondern auf unserem Weg jedes Mal Andere. Als die, die wir sind, dürfen wir uns in die Feiertage hineinbegeben und uns immer weiter verwandeln lassen - zu Menschen voll ansteckender Hoffnung!

Pastoralreferentin Anna Maria Niem