St. Bonifatius Wiesbaden

Flüchtlinge bei uns

Aus dem Leben der Pfarrei, Gesichter der PfarreiBenjamin Dahlhoff
Die beiden syrischen Familien gemeinsam mit Verwaltungsrat Peter Lesko (4.v.l.) und Pfarrer Stephan Gras (ganz hinten) in der Wohnung am Kirchort St. Elisabeth. Foto: Benjamin Dahlhoff

Die beiden syrischen Familien gemeinsam mit Verwaltungsrat Peter Lesko (4.v.l.) und Pfarrer Stephan Gras (ganz hinten) in der Wohnung am Kirchort St. Elisabeth. Foto: Benjamin Dahlhoff

Über die Aufnahme von Flüchtlingen in Wiesbaden und in der Pfarrei St. Bonifatius.

Titelseite des Gemiendebries 9/2014. Albrecht Dürer: Die Flucht aus Ägypten

Es sind Bilder, die an biblische Großereignisse wie den Exodus der Juden aus Ägypten im alten Testament oder die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten erinnern: Bilder wie jenes in der „Zeit“ am 10. August 2014, das eine große Gruppe der Jesiden zeigt, die zu Fuß durch die Wüste in das Sindschar-Gebirge eilen, um dem Tod durch die Terroristen des „Islamischer Staat“ (IS) zu entkommen. Seit Wochen terrorisieren, vertreiben und töten die Kämpfer des IS alle Menschen, die nicht ihrer radikalen Auslegung des Islam folgen. (Lesen Sie mehr auf der Webseite der Zeit). 

Das Leiden und Sterben im Irak ist nur eines von vielen Dramen, die sich im Nahen Osten und Nordafrika zutragen. Die Konflikte sind inzwischen so zahlreich, dass sich kaum noch ein Nachrichtensender die Mühe macht, täglich darüber zu berichten. Würden wir mit all dem Leid Tag für Tag konfrontiert, so könnten wir es kaum ertragen. So kommt es, dass wir nur all zu leicht sprichwörtlich die Augen schließen und hoffen, dass Andere den Konflikt lösen. 

Aber werfen wir doch mal einen Blick auf unser Umfeld. Hier in Wiesbaden und hier in unserer Pfarrei leben Menschen aus allen Teilen der Welt. Unser Westend ist ein Schmelztiegel der Nationen mit einem Ausländeranteil von 30%. Und in unserer Kirche haben wir unterschiedliche muttersprachliche Gemeinden, z.B. Christen aller spanischsprachigen Länder, Italien, Polen, Indien oder den Philippinen. Diese Mitmenschen, Arbeitskollegen, Nachbarn kennen und schätzen wir. Doch es gibt noch eine wachsende Gruppe Menschen, die weitgehend unsichtbar scheint: die Flüchtlinge. Für diese engagiert sich auch die Pfarrei St. Bonifatius. Aktuell beziehen zwei Familien aus Syrien, jeweils mit drei und vier Kindern, die bisher leerstehende Wohnung im Pfarrhaus von St. Elisabeth.  Bei diesen Menschen handelt es sich um Assyrische Christen. 

Die Räume in St. Elisabeth zu diesem Zweck zu nutzen geht auf eine Initiative des damaligen Stadtdekans Wolfgang Rösch zurück, so berichtet es Peter Lesko, Verwaltungsrat für den Kirchort St. Elisabeth. Beide Familien leben dort mietfrei. Die Pfarrei erhält für die Bereitstellung einen Betriebskostenzuschuss. Die Möbel für die Wohnung stellt die Stadt Wiesbaden. 

Für die beiden Familien ist es sicherlich ein Glücksfall, eine große Wohnung beziehen zu können. Denn die Flüchtlingsunterkünfte der Stadt sind zunehmend dichter belegt. So berichtet Sabine Weber, Abteilungsleiterin im Amt für Soziale Arbeit und zuständig für die Flüchtlinge, dass die Zuweisungszahlen derzeit stark steigen. Lebten im Jahr 2012 noch 168 Flüchtlinge in Wiesbaden, so waren es im Jahr 2013 bereits 288. In der ersten Jahreshälfte dieses Jahres wurden der Stadt Wiesbaden 380 Menschen zugewiesen und man rechnet für dieses Jahr mit insgesamt 600. Die neuen Flüchtlinge stammen zumeist aus Syrien, Afghanistan, Pakistan, Eritrea und Somalia. In den Unterkünften leben außerdem bereits Menschen aus dem Iran, Irak, Bosnien-Herzegowina und Russland.

In der Regel werden die Flüchtlinge in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht, in denen sich mindestens zwei Personen ein Zimmer teilen. Familien werden gemeinsam in einem oder mehreren Zimmern untergebracht. Bei der Belegung beachte man, so Weber, auch kulturelle, religiöse, sprachliche und persönliche Voraussetzungen der Menschen. Viele Flüchtlinge kommen aber der Aufforderung nach, sich eine eigene Wohnung zu suchen, für welche die Stadt die Kosten trägt. Leider aber, so Weber, fehlten in Wiesbaden derzeit rund 4000 Wohnungen, so dass die Suche oft erfolglos bleibe. In der Friedrich-Bergius-Straße errichtet die Stadt derzeit weitere Unterkünfte, um den kurzfristigen Bedarf zu decken.

Um die Schulung, Beratung und Integration der Flüchtlinge kümmert sich in Wiesbaden das Amt für Soziale Arbeit. Man kooperiert mit internen und externen Partnern um z.B. Orientierungs- und Integrationskurse anzubieten. Für Flüchtlinge, die aufgrund ihres Aufenthaltsstatus eigentlich nach dem Gesetz keinen Zugang zu Integrationskursen haben, bietet die Stadt Wiesbaden sogenannte Wiesbadener Orientierungskurse an. Darin enthalten sind auch Kurse speziell für Eltern und Familien. Auch Deutschkurse sind Teil des Angebots in Wiesbaden. Für Kinder gibt es eine eigene Kinderbetreuung, in der auch Deutschkenntnisse vermittelt und die Kinder auf die Einschulung vorbereitet werden.

Für uns als Christen und als Pfarrei ist die Hilfe für Flüchtlinge selbstverständlich. Sie gehört zu den Grundsätzen unseres Glaubens, an der Seite der Schwachen und Verfolgten zu sein. Gerade in unserer Gemeinde könnte man zahlreiche Geschichten sammeln, in denen viele von uns von eigener Flucht und Vertreibung und der Aufnahme in einer Gemeinde erzählen können. Nach dem Krieg, in den Zeiten des Kulturkampfes und auch sonst immer war und ist Sankt Bonifatius und die anderen Kirchorte ein Ort der Aufnahme geworden, in der in der Stadt und im Land Fremde sich im Glauben zu Hause fühlen durften.

Dieses große Erbe der Geschichte unserer Pfarrei ist aber nicht nur ein Teil unserer Tradition, sondern auch ein wichtiger Baustein unserer Zukunft. Dass wir nicht nur davon reden, den Menschen im Glauben ihre Würde und eine Heimat zu schenken, sondern es mit Beistand und Einsatz tun, ist Erfüllung des Auftrages Jesu in der Goldenen Regel, jeden Menschen so zu behandeln, wie wir es auch für uns selbst erwarten.

Es liegt also jetzt an uns, den Satz: „Wir heißen nicht nur Kinder Gottes, wir sind es“, der uns allen gilt, Deutschen und Ausländern, Heimatverbundenen und Flüchtlingen und allen, die sich Christen nennen, mit Leben zu erfüllen und die Türen unserer Kirchen und unserer Herzen weit zu machen und uns so gegenseitig zu stärken. Packen wir’s an.

Benjamin Dahlhoff und Kaplan Simon Schade

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