St. Bonifatius Wiesbaden

Mein Herr und mein Gott

Aufsuchende SeelsorgeBenjamin Dahlhoff

Es gibt wohl keine Zeit im Jahr, 
wo Tod und Leben – Ende und Neubeginn 
so dicht beieinanderliegen, wie Karfreitag und Ostern. 
Und beide gehören zusammen.

Liebe Gemeinde,

Gemeindereferent Andreas Schuh

Gemeindereferent Andreas Schuh

je mehr ich mich in das Geschehen am Karfreitag hineindenke, je mehr ich versuche, mich in diese Passion hineinzuversetzen, desto mehr ist mir nach Schweigen zumute. Es macht sprachlos, wenn Menschen, die so viel Gutes bewirkt haben, sterben müssen. Und das ist mir sehr vertraut von manchen Trauergesprächen. Wenn wir Kinder beerdigen müssen, die nie das Licht der Welt erblickt haben und den Eltern ins Gesicht schauen und eine unendlich tiefe Leere, Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit sehen. Wenn Kinder einen Elternteil verlieren und noch gar nicht realisieren können, dass der Papa nicht mehr lebt. Wenn mir vertraute Menschen einen Angehörigen verlieren und ich erlebe, was das für die ganze Familie bedeutet. Dann ist mir nicht nach Reden und auch nicht danach, etwas vom Himmel zu erzählen. Genauso wenig ist mir danach, irgendwelche trostreichen Texte anzubieten. Dann ist mir einfach nur nach Schweigen zumute, nach Stille; die Sprachlosigkeit auszuhalten und vielleicht auch selbst zu weinen und mich irgendwo festzuhalten. Und das nicht, weil ich es nicht aushalten möchte, weil ich dem Schmerz und der Trauer aus dem Weg gehen möchte, sondern weil die einzige Antwort,  die ich in dieser Situation geben kann, die ist: Ich bin jetzt hier! Ich trage - so gut ich kann - ein kleines Stück dieses Leides mit. Ich lasse Euch in dieser Situation nicht allein. Ich bin da.

Um wie viel mehr ist Gott dann da, anwesend, bei allem Leid, das Menschen erfahren. Schweigend, vielleicht auch sprachlos. Aber er ist da: mitten im Leid, im Schmerz, in der Enttäuschung, in der Stille, in der Sprachlosigkeit. Nicht als der strahlende Sieger, nicht als der Gewinner, sondern als der, der selbst durch das Leid geht: Dem jede leidvolle Situation ganz nahe ist. So wie es der Prophet Jesaja im Lied vom Gottesknecht schreibt: 

„Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut.“

Seit vielen Jahren bringe ich einer alten Dame die Krankenkommunion. Zunächst kam sie einfach nicht mehr aus dem Haus, wurde bettlägerig und zum Pflegefall. Vor einigen Jahren wurde sie zunehmend dement, erkannte viele Menschen nicht mehr. Ein Mensch, orientierungslos, umgeben von Menschen, die scheinbar alle fremd sind. Ein Leben ohne Perspektive! Aber auch als sie schon hoch dement war, sprach sie nach dem Kommunionempfang den einen kurzen Satz: MEIN HERR UND MEIN GOTT!

Obgleich mir der Satz so vertraut war, konnte ich ihn zunächst nicht einordnen, bis mir auffiel, dass es der Satz des ungläubigen Thomas ist, der die Wunden Jesus berührt und dabei erkennt: Mein Herr und mein Gott! Thomas erkennt seinen Herrn nicht an dem Licht, das ihn umstrahlt, nicht daran, dass er durch verschlossene Türen kommt, sondern an seinen Wunden! Und vielleicht hat Thomas damit mehr verstanden, als alle anderen Jünger. Denn es geht nicht um die Sensation der Auferstehung. Nicht allein um den hellen Ostermorgen. Sondern es geht darum, dass in Christus Gott selbst in die tiefsten Tiefen menschlichen Daseins gegangen ist, um uns nahe zu sein. Und es geht darum, dass uns Gott auch im tiefsten Leid neue Hoffnung und neues Leben schenkt. Da, wo für uns scheinbar alles zu Ende ist, wo uns alle Zukunft genommen wird, beschenkt uns Gott mit neuem Leben. Und wenn die alte Dame in ihrem tiefsten Leid zuversichtlich sagen kann: „Mein Herr und mein Gott!“, dann bekennt sie damit, dass sie darum weiß, wie nahe ihr Christus in ihrem Leiden ist und dass er auch ihr ein neues Leben schenken wird. Und mich würde nicht wundern, wenn sie tief in ihrem Herzen seine Antwort spürt: Ja – ich bin es! Ich bin da!

Damit wir das verstehen, ist in Jesus Christus Gott selbst ans Kreuz gegangen: Er hat sich hingegeben – geopfert. Das sind Begriffe, mit denen wir uns heute schwer tun – weil wir sie mit alten Kulten von grausamen Menschenopfern verbinden. Aber wohlvertraut und positiv besetzt ist für uns der Begriffe des „ sich aufopfern“. Wo wären heute Pflegebedürftige, wenn sich nicht Angehörige oder Pflegekräfte für sie aufopfern würden. 

Wie viele Eltern kümmern sich voller Hingabe um ihre Kinder – besonders wenn diese krank sind. Denken wir an Mutter Theresa oder Dr. Ruth Pfau und so viele andere, die ihr Leben hingeben, aufopfern für andere. Und genau dort entsteht neues Leben, entsteht Zukunft. Da, wo sich Menschen füreinander hingeben, geschieht Auferstehung – ist Ostern. Und das spüren nicht nur die, denen geholfen wird, sondern auch die Helfenden. 

Und wenn es schon uns gelingt, kleine „Ostern“ ins Leben zu rufen, wie viel mehr beschenkt uns Gott durch seine Hingabe mit Auferstehung und neuem Leben!

So wünsche ich Ihnen allen, aber besonders denen, die in dieser Zeit schwere Kreuze zu tragen haben, die Erfahrung, dass da jemand mit Ihnen geht und Sie dadurch etwas von Ostern erfahren dürfen.

Andreas Schuh, Gemeindereferent