St. Bonifatius Wiesbaden

Weihnachten

Theologie SpiritualitätBenjamin Dahlhoff

Predigt von Kaplan Simon Schade

Erlaubt mir, Euch heute ein Stück weit auf einem Weg mitzunehmen und uns auf diesem Weg ein wenig zu unterhalten und über die Frage nachzudenken: Wofür überhaupt um alles in der Welt feiern wir Weihnachten? Warum machen wir uns auf den Weg, Hals über Kopf in die Städte, in das Getümmel der Vorweihnachtszeit vom Internetshop bis hin zu den vollsten Geschäften? Wofür schmücken, backen, packen, schreiben, kochen, singen, planen, organisieren, laufen wir, bis uns der Atem wegbleibt? Wofür kommen wir hier zusammen in der Kirche und was erwarten wir uns eigentlich davon?

Wenn wir an diesem Punkt erst mal erstaunt innehalten und uns die Frage nach dem „Wofür das Alles?!“ stellen, befinden wir uns sicher in guter Gesellschaft. Da würden wir sicher auf demselben Weg sein, wie die Hirten, die sich sicherlich gefragt haben: Warum soll ich mitten in der Nacht aufbrechen? Oder an der Seite von Johannes dem Täufer, der sich fragen kann: Wofür soll ich mein ganzes Leben und mein ganzes Zeugnis einsetzen?

Es ist nicht immer ganz klar zu erkennen auf den ersten Blick, wo unser Weg hingeht. Schauen wir zurück, auf unsere bisherigen Erfahrungen, finden wir Windungen und Ecken, von denen wir nie erwartet hätten, dass wir so weiter gehen würden oder jemals an solchen Entscheidungen stehen. Und so wird auch der Weg sein, der vor uns liegt: Keiner kann genau sagen, wo es hingeht. Also fangen wir erst einmal an zu schauen: „Wo stehen wir?“ bevor wir uns auf den Weg machen.

Unsere Fundamente, unser Grund auf dem wir stehen, scheint manchmal zu schwanken. Veränderungen und Aufbrüche scheinen an der Stabilität gewachsener Traditionen zu rütteln. Aber lassen wir uns diese Angst nicht einreden, lassen wir uns nicht durch Furcht lähmen. Der weihnachtliche Ruf: „Fürchte dich nicht!“ der gilt jedem und jeder von uns. Da ist natürlich viel Vertrautes, was wir gerne bewahren möchten. Aber manchmal braucht es diese Zeiten, in denen genau das ins Wanken gerät, um zu schauen, was nur oberflächlich ist, und was eben uns wirklichen Halt gibt. Und deswegen noch einmal, weil es so wichtig ist. Der Grund, auf dem wir ganz am Anfang stehen, ist dieser eine Satz: „Fürchte dich nicht!“. Im Vertrauen, dass wir nicht im Stich gelassen werden, dürfen wir auf diese Basis bauen, auf diesem Weg fest stehen, selbst wenn uns die Knie schlottern und unsere Welt ins Wanken gerät.

Das ist der Ausgangspunkt des Weges. Auf diese Aussage hin machen sich die Hirten auf den Weg. Auf diese Aussage hin dürfen auch wir uns auf den Weg machen; aber eben auch nicht kopflos einfach losrennen. Das erlebt man leider auch viel zu oft, wenn wir uns umschauen. Manchmal scheint es so, dass uns Menschen begegnen, die so eingefahren in ihren Wegen und Gedanken sind, dass sie lieber ständig mit dem Kopf gegen die Wand rennen, statt sich einmal die Frage zu stellen, ob sie nicht vielleicht in einer Sackgasse gelandet sind. Wir können so unendlich viel Kraft aufwenden auf unserem Weg, und dann müssen wir plötzlich feststellen, dass die Räder sich durchdrehen und nichts passiert, weil wir vor einer Wand stehen oder die Bremse angezogen ist. Oder die im Kreis laufen und immer wieder bei den gleichen Problemen und gleichen Fehlern wieder ankommen. Unser weihnachtlicher Weg darf so nicht sein. Er braucht stattdessen die Perspektive in der Ferne, gleich dem Stern, der unseren Weg weist. Und er braucht auch die offenen Augen für das, was jetzt in diesem Moment gerade ansteht.

Deswegen ist die Frage, WOFÜR wir Weihnachten feiern, so wichtig. Es ist so leicht, gegen etwas zu sein. Es ist so leicht, Stimmen gegen ein Projekt zu sammeln oder gegen etwas zu demonstrieren. Es ist so einfach, das Maul aufzureißen und zu schimpfen, statt langsam und mit Geduld jemanden von etwas zu überzeugen. Da draußen in der Welt hört man so viel, wo man „dagegen“ sein kann. Bei der Unterbringung von Flüchtlingen ist man dagegen. Bei der Veränderung von Gesetzen ist man dagegen. Bei neuen Bauprojekten ist man dagegen. Bei Europa ist man dagegen. Bei so vielem ist man dagegen, und es scheint so, dass ganz viele Menschen ihr Leben nur dadurch definieren, wogegen sie sind.

Weihnachten ist der andere Weg. Weihnachten ist kein Fest gegen etwas. Weihnachten steht für etwas.

Weihnachten erinnert uns daran, dass Gott für uns in die Welt gekommen ist, um uns zu zeigen, dass wir Grund zur Hoffnung haben.

Weihnachten wird Gott für uns Mensch, um zu zeigen, dass der Mensch, jeder und jede von uns, eine unverletzbare und unantastbare Würde hat, ganz gleich wie er oder sie ist.

Weihnachten leuchtet für uns ein Licht in das Dunkel der Nacht, damit wir nie vergessen, dass wir auch in den dunkelsten Stunden des Lebens immer wieder neue Wege finden.

Weihnachten ist kein Fest gegen etwas; um es den Menschen mal so richtig zu zeigen. Weihnachten baut keine Mauern und ist keine Sackgasse. Wenn wir uns fragen, wofür feiern wir Weihnachten? So ist die erste Antwort, die uns einfallen sollte: „Für uns!“ Für jeden und jede von uns – weil wir keine Gegenmenschen und Mauerbauer sind, sondern weil wir mit denen, die es vor uns schon immer wieder getan haben, die Mauern niederreißen und die unüberwindbaren Gräben überbrücken. Weil wir die Hoffnung haben, in dieser Welt zu verkünden, dass es noch etwas Größeres gibt als unsere Probleme.

Und als zweite Antwort auf die Frage nach dem „Wofür“, die wir auf unserem Weg mitnehmen dürfen, ist dieses: Bleiben auch wir nicht stehen, sondern Weihnachten lädt uns ein, diesen Weg mit neuem Mut zu beschreiten; Uns zu fragen, wofür wir auf dem Weg sind und nicht in lethargischer Resignation stehen zu bleiben. Damit wir heute und dieses Jahr nicht Weihnachten als abgehaktes Projekt dann vorbeiziehen lassen und die schönen Texte zusammen mit den Christbaumdekorationen wieder in Kisten packen und verstauen, sondern dass wir den Schwung und die Hoffnung mit hineinnehmen in unser Leben. 

Dass wir dann auch über diese Tage hinaus sehen, was die Menschen an unserer Seite brauchen, und uns dann auch DAFÜR einsetzen.

Dass wir bei Ungerechtigkeiten nicht wegschauen, sondern uns DAFÜR stark machen, dass die Menschen ihre Rechte bekommen.

Dass wir nicht uns in belanglosen Routinen verlieren, sondern uns DAFÜR einsetzen, was uns in unseren Herzen wirklich wichtig ist.

Dass wir nicht den Anderen Steine in den Weg legen, sondern DAFÜR sorgen, dass jeder und jede sich als Kind Gottes entfalten kann.

Wofür feiern wir Weihnachten? Dafür, dass wir die Hoffnung, die uns geschenkt ist, wachhalten. Dafür, dass wir uns nicht fürchten brauchen. Dafür, dass wir es in der Hand haben, Jesus zu folgen und auch nach unseren Möglichkeiten in dieser Welt Gutes zu tun.

Lassen wir uns durch nichts und niemanden diese Hoffnung nehmen. Mögen es auch noch so viele Menschen sein, die gegen etwas sind und uns das Leben schwer machen. Damals vor 2000 Jahren hat ein kleines Kind alles durchkreuzt und durchbrochen, was damals bekannt war. Diese Kraft hat Menschen inspiriert zu hoffen, loszuziehen und Gutes zu tun. Diese Kraft steckt in Jedem und Jeder von uns. Und so liegt es an uns, dass wir uns auf den Weg machen und diese Freude, diese Hoffnung, diese Liebe miteinander teilen und damit denen entgegentreten, die blockieren, Steine in den Weg legen und in unserer Welt nur Missgunst und Neid säen. 

Dafür feiern wir Weihnachten, mit Christus für Euch, für uns, und für alle. Amen


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