St. Bonifatius Wiesbaden

Beten

40 Tage auf dem Weg zu Christus

Gemeindebrief, Theologie SpiritualitätPhilippe Jaeck

Gedanken zur Besinnung in der Österlichen Bußzeit anhand der Tagesgebete der Fastensonntage.

„Was hat der Pfarrer heute gesagt?“ Gar nicht so einfach, sich später zuhause noch an die Details der Predigt zu erinnern. Als Prediger hofft man natürlich, dass zumindest ein oder zwei Sätze hängenbleiben. An das Evangelium erinnert man sich vielleicht noch so halbwegs. Aber spätestens bei den Gebeten der Messe wird es doch meistens sehr dünn. Sie ziehen an uns vorüber und ich muss gestehen, dass es auch mir selbst als Priester oft schwerfällt, nach dem Gottesdienst zu sagen, was ich eigentlich genau gebetet habe. Dabei verbirgt sich, wenn man einmal genauer hinschaut, in den Gebeten der Messe ein großer Reichtum.

Das sogenannte Tagesgebet, das den Eröffnungsteil der Eucharistiefeier abschließt, heißt auf lateinisch oratio collecta, „Sammelgebet“. Die große Kunst dieser Orationen besteht darin, mit wenigen Worten – im lateinischen Original normalerweise in einem einzigen Satz - das Festgeheimnis des jeweiligen Tages zusammenzufassen und auf diese Weise die Gebete der Gemeinde zu bündeln und gesammelt vor Gott zu bringen. Ich denke also, es lohnt sich, in dieser Fastenzeit einmal etwas genauer hinzuhören auf die Tagesgebete der Sonntage:

Allmächtiger Gott, du schenkst uns die heiligen vierzig Tage als eine Zeit der Umkehr und der Buße. Gib uns durch ihre Feier die Gnade, dass wir in der Erkenntnis Jesu Christi voranschreiten und die Kraft seiner Erlösungstat durch ein Leben aus dem Glauben sichtbar machen. Darum bitten wir durch ihn …

Das Tagesgebet des Ersten Fastensonntags gibt uns am Beginn der Fastenzeit quasi eine Definition dessen, worauf es auf dem Weg der Vorbereitung auf Ostern ankommt: Umkehr und Buße. Die Werke der Buße, Fasten, Almosen, gute Werke usw. sind kein Selbstzweck, sondern sie sind eine Hilfe auf dem Weg einer immer tieferen Erkenntnis Christi. Ihm wollen wir näher kommen, das ist der eigentliche Sinn der Fastenzeit.

Gott, du hast uns geboten, auf deinen geliebten Sohn zu hören. Nähre uns mit deinem Wort und reinige die Augen unseres Geistes, damit wir fähig werden, deine Herrlichkeit zu erkennen. Darum bitten wir durch Jesus Christus …

Am Zweiten Fastensonntag wird als Evangelium die Verklärung Jesu auf dem Berg Tabor (Lk 9,28b-36) gelesen, und darauf spielt auch das Tagesgebet an. Im Zentrum steht das Hören auf das Wort Gottes, das unser inneres Sehvermögen reinigt und uns bereit macht, wie die Jünger das Angesicht Gottes in all seiner Herrlichkeit zu sehen. Worauf es ankommt, sind nicht äußere Werke, sondern die innere Reinigung durch die Begegnung mit Gott, der in seinem Sohn zu uns spricht.

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Gott, unser Vater, du bist der Quell des Erbarmens und der Güte, wir stehen als Sünder vor dir, und unser Gewissen klagt uns an. Sieh auf unsere Not und lass uns Vergebung finden durch Fasten, Gebet und Werke der Liebe. Darum bitten wir durch Jesus Christus …

Bei der collecta des Dritten Fastensonntags ist leider ist bei der Übersetzung ins Deutsche die zentrale Aussage des Gebetes verloren gegangen. Im Original erscheinen nämlich Fasten, Gebet und Werke der Liebe (vgl. Tob 12,8) als „Bekenntnis unserer humilitas (Demut, Armut, Schwäche)“. Wenn wir in der Fastenzeit verzichten, beten und Gutes tun, bekennen wir dadurch, dass wir uns nicht selbst genügen. Wir können uns nicht selbst glücklich machen, sondern wir dürfen uns von Gottes Barmherzigkeit beschenken lassen. Die Werke der Buße machen uns klein und bereiten uns für die Begegnung mit Jesus, der sich für uns erniedrigt hat bis zum schändlichsten aller Tode.

Herr, unser Gott, du hast in deinem Sohn die Menschheit auf wunderbare Weise mit dir versöhnt. Gib deinem Volk einen hochherzigen Glauben, damit es mit froher Hingabe dem Osterfest entgegen eilt. Darum bitten wir durch Jesus Christus …

Am Vierten Fastensonntag (Laetare) sind wir inzwischen in der Mitte der Fastenzeit angelangt. Am Horizont erscheint schon die Osterfreude, das Ziel der 40 Tage währenden Vorbereitungszeit. Zugleich beginnt aber auch die zweite Hälfte der Österlichen Bußzeit, in der nun immer mehr die Passion Jesu, sein Leiden aus Liebe zu uns Menschen im Mittelpunkt steht.

Herr, unser Gott, dein Sohn hat sich aus Liebe zur Welt dem Tod überliefert. Lass uns in seiner Liebe bleiben und mit deiner Gnade aus ihr leben. Darum bitten wir durch Jesus Christus …

Besonders eindringlich ist das Tagesgebet des Fünften Fastensonntags. Es verbindet die Hingabe Jesu am Kreuz mit dem Leben jedes einzelnen. In jener Liebe, die Gott uns erwiesen hat, möchten wir selbst ambulare: umher- und vorangehen – und unser ganzes Leben führen.

Allmächtiger, ewiger Gott, deinem Willen gehorsam, hat unser Erlöser Fleisch angenommen, er hat sich selbst erniedrigt und sich unter die Schmach des Kreuzes gebeugt. Hilf uns, dass wir ihm auf dem Weg des Leidens nachfolgen und an seiner Auferstehung Anteil erlangen. Darum bitten wir durch ihn …

In der Tradition der römischen Liturgie ist der Palmsonntag nicht nur die Feier des Einzugs Jesu in Jerusalem, sondern auch und vor allem Erinnerung an sein Leiden um unseretwillen. Das Tagesgebet fasst mit dem Verweis auf Anfangs- und Endpunkt von Jesu irdischem Leben (Menschwerdung und Kreuzestod) das ganze Geheimnis seiner Existenz zusammen: Von Anfang an bis zum bitteren Ende lebt er den Gehorsam gegenüber seinem Vater. Die Palmsonntags-collecta ist jedoch ein echtes Meisterwerk. Während nämlich in der ersten Hälfte des Gebetes das Kreuz als der Endpunkt erscheint, so wie für die Jünger, öffnet sich am Ende der Blick Richtung Ostern. Auch wenn wir Jesu Leiden und Tod gedenken, feiern wir in der Eucharistie schon seine Auferstehung. Der Weg des Leidens, der Entsagung und des Gehorsams führt zum Leben.

Text und Foto: Kaplan Johannes Funk