St. Bonifatius Wiesbaden

Das Bild des Vaters: Franziskus von Assisi

GemeindebriefPhilippe Jaeck

Die franziskanische Spiritualität berührt uns vor allem in ihrem geschwisterlichen Grundzug. Franziskus begegnet den Menschen wie der gesamten Schöpfung in der Logik der Geschwisterlichkeit: Bruder Sonne, Schwester Mond, universal geteilte Kreatürlichkeit, gemeinsame Armut. Umso befremdlicher wirkt auf den ersten Blick eine Wendung, die bei seinen frühen Biographen wie Thomas von Celano begegnet: Dort wird der Poverello wiederholt als „unser Vater Franziskus“ angesprochen.

Dieser Titel provoziert, scheint er doch der schlichten franziskanischen Brüderlichkeit und nicht zuletzt dem Herrenwort aus dem Matthäusevangelium zu widersprechen: „Ihr sollt niemanden auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel.“ Doch das Evangelium erschöpft sich nicht im isolierten Satz. Im selben Evangelium bezeugt Christus: „Niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will.“ Jesus erweist sich als das vollkommene Abbild des Vaters; wer ihn sieht, sieht den Vater. Wo die frühe Kirche dies reflektierte, erkannte sie in Christus selbst das väterliche Wesen Gottes. Wurde die Bezeichnung später auf geistliche Vorbilder übertragen, geschah das nicht aus institutionalisierter Amtsanmaßung, sondern weil in ihrer Lebensgestalt das Christusbild, die Ikone des Vaters, transparent geworden war.

Genau darin gründet die Gestalt des Franziskus. Sein Leben erschöpft sich nicht in theoretischer Lehre; es vollzieht den Weg Christi in existenzieller Radikalität nach. Es entfaltet sich gleichsam als mit Leben erfüllter Bildzyklus, der das Leben Christi nachzeichnet.

Den Beginn markiert das Geheimnis der Menschwerdung: In der Weihnachtsnacht 1223 ließ Franziskus in Greccio das Geschehen von Bethlehem erstmals mit Ochs, Esel und Futterkrippe darstellen, um die Verwundbarkeit und Armut des für uns aus Liebe fleischgewordenen Gottessohnes greifbar und erfahrbar zu machen. Dieser Weg der Nachfolge Christi verdichtete sich für Franziskus dann im Herbst 1224 auf dem einsamen toskanischen Berg La Verna, wo sich während einer Zeit des Gebetes Wundmale des Gekreuzigten leibhaftig in ihn einprägten. Die so erstmals bei einem Heiligen belegten Stigmata sind Zeichen einer Liebe, die sich ganz in das Leiden Christi hineinbegibt und es in der eigenen Hingabebereitschaft mit- und nachvollzieht. Schließlich weist seine Existenz auf die Auferstehungshoffnung voraus. Vor seinem Tod im Jahre 1226 verfügte Franziskus, auf dem Colle dell’Inferno vor Assisi bestattet zu werden. So wurde damals der städtische Hinrichtungsplatz genannt, in dessen Umgebung Kriminelle und Geächtete in Massengräbern verscharrt wurden. Mit diesen Allerletzten wollte er ruhen. Nach seiner Heiligsprechung 1228 begann genau an diesem Ort der Bau der Basilika San Francesco: Aus dem Höllenhügel wurde der Colle del Paradiso. Der Ort des Fluches wandelte sich dauerhaft zum Ort des Segens, so wie Christus durch seine Auferstehung das Grab von einem Ort der Trauer zu einem Ort der Hoffnung gemacht hatte.

Wenn Franziskus also der Vatername beigelegt wurde, meinte dies kein übersteigertes menschliches Lob. Es bezeugt vielmehr seine vollkommene Durchlässigkeit für den Glanz Gottes, die bis heute fasziniert: ein Leben, das durch die entschiedene Christusnachfolge den himmlischen Vater nicht bloß verkündete, sondern für andere sichtbar machte.

Kaplan Fabian Bruns
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