Auf unserer Heilig-Jahr-Wallfahrt begeben wir uns auf den uralten Pilgerweg, den die Pilger aus dem Norden seit der Antike gegangen sind. Vom Norden her betritt man die Stadt (heute das Centro Storico-Altstadt) durch die Porta Flaminia, heute Porta del Popolo genannt. Das heutige Stadttor wurde u.a. von Gian Lorenzo Bernini (Petersplatz, Baldachin über dem Papstaltar) gestaltet. Wenn wir heute durch das Tor gehen, öffnet sich die ovale Piazza del Popolo. Vom Platz gehen strahlenförmig drei Straßen ab. Die Straße in der Mitte, zwischen zwei ähnlich gestalteten Zwillingskirchen, die Via del Corso, führt schnurgerade ins Zentrum der Stadt. War früher das Ziel die Kirche Sta. Maria del Aracoeli auf dem Kapitol, wurde Ende des 19.Jahrhundert das übergroße Nationaldenkmal davor gesetzt. Von den Römern wird diese pompöse Architektur spöttisch Schreibmaschine oder mehrstöckige Sahnetorte genannt. Man sagt, der schönste Ort in der Altstadt ist die Panoramaterrasse auf dem Denkmal, weil man einen tollen Rundblick hat und das Denkmal selbst nicht sehen muss.
Egal wohin auf dem Corso unser Blick gelenkt wird, es ist unser Pilgerweg in die Stadt. Auf unserem Weg kommen wir auch an dem Haus vorbei, in dem Johann Wolfgang von Goethe unter dem Decknamen Johann Philipp Möller wohnte. Bevor wir auf der Piazza Venezia ankommen, öffnet sich in der Häuserreihe auf der linken Seite ein kleines Plätzchen mit einer Kirche. Es ist die Kirche San Marcello al Corso. Die geschwungene Barockfassade lädt ein, zum Gebet einzutreten. Es lohnt sich, denn in dieser Kirche wird ein besonderes Kruzifix verehrt. Es ist das Pestkreuz, das Papst Franziskus während der Corona Pandemie zusammen mit der Ikone Salus Popoli Romani zum Gebet in den Vatikan holen ließ. Er hatte genauso gute Gründe, wie für die Ikone, dieses lebensgroße Kruzifix bringen zu lassen.
Dieses Kreuz wurde als wundertätig verehrt, weil es einen Kirchenbrand weitgehend unbeschadet überstanden hatte. Bei einer Pestepidemie im Jahre 1522 wurde es 16 Tage lang in Prozessionen durch die Stadt getragen zur Beendigung der Seuche. Daraufhin trug man es jahrhundertelang am Gründonnerstag in den Petersdom.
Ein Gebet vor diesem Kreuz erinnert uns an die Zerbrechlichkeit des Lebens. Zwar ist die Pest so nicht mehr vor uns Heutige eine Bedrohung. Doch es gibt immer eine Bedrohung durch Seuchen und Epidemien. Mögen sie, zumindest bei uns im globalen Norden, nur noch unterschwellig wahrgenommen werden, wie z. B. AIDS. Im globalen Süden aber sind sie durchaus brutale Realität. Die Corona-Zeit hat es uns gezeigt: wir haben es nicht im Griff!
Deshalb ist es gut, die bei uns vergessene Aids-Pandemie ins Gebet zu nehmen!
Am Freitag, 5. Dezember um 17 Uhr gedenken wir der Opfer von AIDS, namentlich der Opfer aus Wiesbaden, in St. Augustine of Canterbury.
Pfarrer Matthias Ohlig