St. Bonifatius Wiesbaden

„Mehr als du siehst“ oder „Ich sehe was, was du nicht siehst….“

Bistum Limburg, GemeindebriefPhilippe Jaeck

„Mehr als du siehst. Kirchenentwicklung im Bistum Limburg“, so lautet das neue Leitwort für den Weg der Kirchenentwicklung in der Diözese Limburg, das Bischof Dr. Georg Bätzing in seinem Hirtenwort zur österlichen Bußzeit 2018 veröffentlicht hat.

„Mehr als du siehst“ – ein Leitwort, das uns in den nächsten Jahren im Sinne der Kirchenentwicklung beschäftigen und hoffentlich zum Nach- und Neudenken anregen wird. Überdeutlich ist der Umbruch in unserer Kirche erkennbar. Vielen ist seit Jahren klar, dass es nicht „einfach so weitergehen“ kann. Allerorts kann man Mangel feststellen – weniger Gottesdienstbesucher/innen, weniger Priester und Hauptamtliche Mitarbeiter/innen, weniger aktive Gemeindemitglieder… Aber wenn es nur bei dieser Wahrnehmung des Mangels und des „nicht mehr“ bleibt? Fehlt uns dann nicht der Glaube und die Phantasie, dass Gott mit uns einen Plan hat – mit jedem einzelnen Gläubigen, mit der Gemeinde, mit der Kirche insgesamt – und dass er uns nicht allein lässt? Statt immer nur zu fragen, wie man vertraute Formen irgendwie noch retten kann, sollten wir fragen, wie wir die Menschen neu mit der Botschaft des Evangeliums in Berührung bringen können.

Jutta Fechtig-Weinert

Mich erinnert das Leitwort an das Spiel „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Wer hat es nicht gespielt, als Kind mit Kindern, als Erwachsener mit Kindern, dieses Spiel, dessen ‚Spielmaterial’ niemals ausgeht: „Ich sehe was, das du nicht siehst, und das ist ...“ Ich sehe was in einer bestimmten Farbe, und du kannst es eigentlich auch sehen – wenn du nur genau hinschaust. Du musst deinen Blick schärfen, die anderen Dinge einmal außen vor lassen, dann fällt es dir auch auf. Und du wunderst dich, dass du es nicht früher gesehen hast. „Ich sehe was, was du nicht siehst...“. Es ist erstaunlich, was man auch in sehr vertrauten Räumen noch alles entdecken kann. Das Spiel funktioniert allerdings nur mit Mitspielerinnen und Mitspielern, die Lust darauf haben, herauszufinden, was der andere sieht, neugierig nachfragen und sich auf die Suche machen. Und die nicht entmutigt sind, wenn eine Antwort auch mal „nein“ heißt.

Mehr als du siehst – es geht darum, bewusst hinzuschauen, was zu tun ist, und darauf zu setzen, dass Jesus das, was wir ihm bringen – unsere Hilflosigkeit, unsere Unsicherheit, unsere menschliche Schwäche, unsere Ungeduld, unsere Lieblosigkeit den anderen gegenüber, unsere Fragen –, annimmt und verwandeln hilft.

Wenn wir uns mit Kirchenentwicklung beschäftigen, dann kommen auch die verschiedenen Kirchenbilder in den Blick, die unser Gemeindeleben in den vergangenen Jahrzehnten geprägt haben, z. B. die Pfarrei als Pfarrfamilie und der Pfarrer an ihrer Spitze. Viele der alten Kirchen- und Gemeindemodelle tragen nicht mehr, weil wir in den größer werdenden Gemeinden nicht mehr ausreichend Mitarbeiter/innen haben. Angesichts dieser Entwicklung sollte man fragen: Wer ist denn überhaupt Subjekt in der Kirche? Es sind doch nicht die geweihten Priester oder die hauptamtlichen Mitarbeiter/innen. Nicht die machen Kirche. Kirche sind alle die, die getauft und gefirmt sind. Sie stellen den ganzen Leib der Kirche dar. Die, die als Pfarrer und Leitende da sind, üben einen Dienst für dieses Volk Gottes aus. Einen Dienst. Dieses Bewusstsein ist während des II. Vatikanischen Konzils gewachsen und will neu gedacht und entwickelt werden.

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„Mehr als du siehst!“ Wie sehen wir eigentlich die Menschen, die mit uns zusammen Christen sind? Kritisch werden die betrachtet, die „nur“ sonntags zur Kirche gehen. Oder die, die unsere Dienstleistungen „ausnutzen“. Wie sehen wir diese Menschen? Können wir sie überhaupt wohlwollend als Brüder und Schwestern sehen? Dass in ihnen auch der Geist Gottes lebt? Dass sie alle ihren freien Willen haben? Dass sie sich führen lassen? Dass sie auch Gaben haben und dass, wenn sie tatsächlich kommen und sagen, wir wollen die Taufe, die Erstkommunion oder eine Trauerfeier, sie nicht einfach Konsumenten sind, die irgendwas ausnützen, sondern ein Anliegen haben.

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„Mehr als du siehst!“ Was bewegt die Menschen in unserem Stadtteil? Was brauchen sie und was sind ihre Fragen und Sehnsüchte? Wenn jemand sonntags zur Kirche kommt und sonst nicht mehr gesehen wird, heißt das ja noch lange nicht, dass er/sie nicht das Christsein in sein Leben einbringt. Zunächst heißt es nur, dass wir es nicht sehen. Wenn sich jemand z. B. in der Politik oder dem Hospizverein engagiert, sagen wir, er engagiert sich nicht in der Gemeinde. Aber was sagt das? Wenn jemand im Sportverein sein Christsein bezeugt, dann ist er oder sie wahrscheinlich in der Gemeinde nicht so präsent, wie er (sie) es sonst sein könnte. Der Funke des Glaubens kann und wird aber dort überspringen, wo Menschen vor Ort glaubwürdigen Christen begegnen. Dabei werden sie sich vielleicht fragen: Warum nimmst du dir Zeit für mich und was bedeutet dir der Glaube für dein Leben? Wenn diese Fragen im Raum stehen, dann kann man über den Glauben selbst ins Gespräch kommen. Dann ist es wichtig, dass Christen auch Auskunft über ihren Glauben geben können. Ist dies nicht genau die Aufgabe von uns Christen? Unsere Sendung und der Dienst in der Welt. Lieber verbeult als verschlossen, lieber verletzt als bequem. Das sagt Papst Franziskus über seine Vorstellung von Kirche. Kirche soll auf die Straßen hinausgehen, auch wenn sie sich beschmutze und ihre Sicherheiten aufgebe. Es kommt also auf das konkrete Zeugnis von Christen an. Wenn eine punktuelle Begegnung den Anderen angerührt hat, kann in ihm eine Bewegung in Gang kommen, die dann in eine Kirchenbindung einmündet. Und dann wird Kirche zum Ort der Feier des Glaubens, der Ort der Gemeindeliturgie und der sonntäglichen Eucharistie. Dann wird Kirche zum Sakrament.

Kirche – „Mehr als du siehst!“ Ich möchte mich gerne von dieser Sichtweise anstecken lassen. Sie vielleicht auch?

Jutta Fechtig-Weinert, Pastoralreferentin