St. Bonifatius Wiesbaden

Barmherzigkeit

Theologie SpiritualitätBenjamin Dahlhoff

Teil 2: Die sieben geistigen Werke der Barmherzigkeit

In diesem zweiten Teil unserer Artikel zum Thema Barmherzigkeit schreiben unsere pastoralen Mitarbeiter dieses mal über die "geistigen" Werke der Barmherzigkeit. Im ersten Teil ging es um die leiblichen Werke der Barmherzigkeit.

1. Die Unwissenden lehren.

Wer unter dieser Überschrift etwas über die Jugendarbeit in unserer Pfarrei schreiben möchte, mag auf den ersten Blick überheblich klingen. Das liegt daran, dass damit ein negatives Vorzeichen vor unsere Jugendlichen gesetzt wird, so, als ob sie unfähig seien. Kehren wir aber den Satz ins Positive, klingt das gleich schon wieder ganz anders: Wir wollen ja unseren jungen Leuten etwas mit auf den Weg geben und sie stark machen in ihren Fähigkeiten und in ihrem Glauben. Dazu gibt es in unserer Stadt Jugendgottesdienste in der Jugendkirche und an einzelnen Kirchorten. Als Messdiener sind sie Teil einer Gemeinschaft und wachsen hinein, den neuen Kindern die Aufgaben zu erklären. 

In den Fahrten und Freizeiten erfahren sie unsere Werte und unseren Glauben in Gesprächen, Aktionen und im Feiern. Oder sie werden im CoderDojo für die Arbeit am Computer oder in den Gruppenleiterkursen für die Leitung von Kindergruppen ausgebildet. Auch in der DJK erleben junge Menschen, wie christliche Werte wie Teamgeist und Fair Play-Grundlage für ein gutes Miteinander sind. Mag sein, dass es etwas übertrieben und hart klingt, von „Unwissenden“ zu sprechen, aber durch unsere Jugendarbeit gehen sie auf alle Fälle gestärkt und hoffentlich auch ein bisschen wissender in ihre Zukunft.

Kaplan Simon Schade

Den Zweifelnden recht raten.

Beim Thema “Zweifelnden recht raten” muss ich sofort an eine befreundete Familie denken, die zur Zeit kurz vor der Unterzeichnung des Kaufvertrages zu ihrem neuen Haus steht. In den letzten drei Jahren hatten die Vier sich viele Objekte angesehen und verschiedenste Makler mit der Suche eines neuen Familiensitzes beauftragt. Ende des letzten Jahres waren sie endlich fündig geworden. In den nächsten Wochen soll der Kaufvertrag unterzeichnet werden - eigentlich alles in bester Ordnung. Doch genau jetzt, wo es ernst wird, und die Unterzeichnung des Kaufvertrages beim Notar diesen neuen Lebensabschnitt besiegeln soll, melden sie sich, die nagenden Zweifel: “Ist das wirklich die richtige Entscheidung? Können wir die Konsequenzen unserer Entscheidung tragen? Wie wird sich unser Leben verändern? Werden wir es irgendwann bereuen?” Vermutlich kennen Sie solche oder ähnliche quälende Gedanken und Fragen auch aus Ihrem eigenen Leben. Wobei die meisten Entscheidungen, die wir in unserem Alltag treffen müssen, zum Glück nicht immer so weitreichende Konsequenzen haben, wie bei einem Hauskauf. Trotzdem ist im Kleinen wie im Großen manchmal guter Rat teuer. 

In Entscheidungssituationen aus meinem eigenen Leben ist mir ein Spruch sehr lieb und teuer geworden, den ich auch in meinem Büro hängen habe: “Höre auf deine innere Stimme! Sie weist dir den Weg, selbst wenn du dich einmal auf dünnem Eis bewegst.” Diese Worte erinnern mich in Momenten des Zweifels daran, dass Gottes Stimme durch den Heiligen Geist in mir wohnt und lebendig ist. Diesen guten Geist habe ich in meiner Taufe, aber vor allem in ganz besonderer Weise in meiner Firmung als unauslöschliches Prägemal empfangen. Damit gibt mir Gott für mein Leben die Zusage, dass ich nicht verloren gehen kann, weil er mich durch meine innere Stimme wie ein guter Hirte führt und leitet. Und selbst, wenn ich doch einmal eine falsche Entscheidung treffe, egal ob gewollt oder unabsichtlich, mündet mein Leben für Gott niemals in einer Sackgasse. Weil er dann wie der Hirte im Gleichnis vom verlorenen Schaf (vgl. Lk 15,3-7) nicht aufhören wird nach dem zu suchen, was für den Menschen verloren scheint.

Stephanie Hanich, Pastoralreferentin

3. Die Betrübten trösten

Die Betrübten trösten. Dabei denkt man zuerst an den Tod und an trauernde Hinterbliebene, die getröstet werden sollen. In unserem ganzen Leben geht es immer wieder um Abschiednehmen, um Trennung. Wir müssen nicht nur im Tod geliebte Menschen freigeben. Wir müssen unser ganzes Leben lang Menschen, mit denen wir zusammengelebt haben, die uns vertraut sind, ins Leben hinein freigeben.

Wenn wir selbst uns weiterentwickeln wollen, müssen wir Dinge aufgeben und sie, wenn die Zeit dafür gekommen ist, ablegen. Wir müssen uns trennen von liebgewordenen Gewohnheiten, vielleicht sogar von Menschen. Wenn wir das nicht tun, bleiben wir am Vergangenen hängen, haben keine Visionen, keine Zukunft, keine wirkliche Lebendigkeit. Dann bleibt es bei dem „man müsste mal“. Nennen wir es Übergänge, die gestaltet werden müssen. Wenn es gut geht, haben wir genügend Zeit, uns darauf einzustellen. Bevor ein Kind geboren wird, werden zahlreiche Vorbereitungen getroffen, bis es freudig empfangen werden kann. Die ersten Trennungen erfolgen durch Kinderkrippen oder Kindergarten, es wird selbstständiger, durchläuft die Schullaufbahn und verlässt (meistens) das Elternhaus durch Beruf oder Studium. Das ist nicht selten eine krisenhafte Zeit für Eltern. Der Beruf bringt Veränderungen, Wohnungswechsel, Ortswechsel sind angesagt, Paare trennen sich, die eigenen Eltern werden alt oder sterben. Wie schaffen wir diese Übergänge so, dass wir an ihnen wachsen und nicht zugrunde gehen?
Wir Christen haben eine gute Richtlinie in unserem wichtigsten Gebot: „Du sollst den Herrn deinen Gott lieben aus ganzem Herzen und aus ganzer Seele und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Wir finden Trost und Halt in unserem Glauben, bei einem Gott, der selbst Mensch geworden ist und die Höhen und Tiefen des Menschseins kennt. Gespräche mit liebevollen und verstehenden Menschen sind ein starker Trost in schwierigen Zeiten. Das können Menschen innerhalb und außerhalb der Familie sein, mit und ohne Gesprächsausbildung. Wichtig ist das hörende Herz.

Das dritte ist ein gutes Selbstwertgefühl und ein wenig Humor. Da kann uns Papst Johannes XXIII  ein gutes Vorbild sein mit seinem Ausspruch, den er an sich selbst richtet:  „Nimm dich nicht so wichtig, Johannes“

Ingrid Weber, Gemeindereferentin i.R.

4. Die Sünder zurechtweisen

Sünder zurechtweisen klingt zunächst nicht sehr barmherzig. Das hört sich eher nach Maßregelung oder Besserwisserei an. Aus christlicher Perspektive ergibt sich da aber ein ganz anderes Bild: Dass es in unserem Leben Sünde gibt, dass wir uns in Schuld verstricken, ist ja kein Geheimnis. Und das ist schließlich etwas, das unser Gewissen belastet. Sünde trübt unser Leben, macht es klein und schwer. Doch wir können als Christen von der Schuld reden, weil wir dann immer auch von der Vergebung reden können und müssen. Das zählt zu unserer ureigensten Botschaft: Jesus hat die Vergebung gebracht. Noch am Kreuz betet Jesus für seine Peiniger. In vielen Zusammenhängen des Evangeliums weist Jesus Sünder zurecht und eröffnet ihnen gleichzeitig in der Vergebung die befreiende Chance, mit ihrem Leben neu anzufangen und aufzubrechen. Hier finden wir keine Maßregelung oder Besserwisserei. Im Gegenteil: Wo der Mensch von Gott her die Vergebung der Sünden erfährt, dort begegnet uns genau das, was das Evangelium im Kern mit Barmherzigkeit meint. 

Von der Botschaft Jesu aus verstanden meint also „Sünder zurechtweisen”: Einem Menschen den rechten Weg weisen zur Vergebung, die Gott uns schenkt und die uns die Kraft gibt, als neue Menschen zu leben. Dies kann man nur tun im Wissen darum, dass man selbst auch immer der Vergebung Gottes bedarf. Nur wer selber aus der Barmherzigkeit Gottes lebt, wird anderen den Weg der Barmherzigkeit zeigen können. Auch dies macht Jesus deutlich, wenn er davon spricht, dass man schlecht den Splitter im Auge des anderen entfernen kann, wenn man selber einen Balken im Auge hat. 

Und noch etwas: Für Jesus ist die Vergebung so wichtig und konkret, dass er den Aposteln aufträgt: „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben.” Papst Franziskus hat in diesem Zusammenhang immer wieder deutlich gemacht, dass das Bußsakrament, die Beichte, als das Sakrament der Vergebung jener Ort ist, an dem wir die Barmherzigkeit Gottes unmittelbar erfahren können.

Pfarrer Klaus Nebel

5. Die Lästigen geduldig ertragen

Es gibt sie tatsächlich: Menschen, die uns gehörig auf die Nerven gehen – und dies mitunter beständig. Menschen, für die wir nur schwer Geduld aufbringen können, weil sie uns immer wieder auf’s Neue ärgern, weil sie unangenehme oder peinliche Verhaltensweisen zeigen, zudringlich oder langweilig sind. Lästig sind die Dauerredner/innen in Sitzungen, die ewigen „Zuspätkommer“, die Menschen, die wiederholt von ihren Problemen erzählen wollen, ohne dass man den Eindruck hat, dass sie selbst etwas ändern möchten, lästig sind ... Die Lästigen werden zur Last, weil sie uns nerven, unseren Plänen in die Quere kommen, den Terminkalender durcheinander bringen oder unsere freie Zeit in Anspruch nehmen. Je nach Tagesform verhalten wir uns ihnen gegenüber  oft schroffer und abweisender, als wir das eigentlich müssten.

Lästige Menschen sind lästig, weil es mitunter viel Zeit kostet, sich mit ihnen und ihren Anliegen zu beschäftigen und wir das Gefühl haben, dass wir unsere kostbare Zeit mit ihnen  vergeuden.
Und schon sind wir beim Thema Barmherzigkeit. Barmherzigkeit hat immer mit Zeit zu tun. Sie besteht darin, anderen Zeit zu schenken und  Zeit zu lassen. Und was vielleicht noch wichtiger ist: Ich sollte mir selbst Zeit nehmen, um genauer hinzusehen, um zu erkennen, warum dieser Mensch, den ich spontan als lästig empfinde, eben auch liebenswert ist. Es bedeutet, dem anderen Menschen Respekt entgegenzubringen, selbst wenn er schwierig ist; ihn anzunehmen wie er ist, weil Gott es genauso macht. Gott tut genau das, was dieses Werk der Barmherzigkeit uns empfiehlt, er erträgt uns Menschen in aller Barmherzigkeit.                                                                

Er sagt Ja zu uns, obwohl wir oft Fehler machen, egozentrisch und unversöhnlich sind. Mit diesem Vertrauensvorschuss  bringt Gott das Beste in uns zum Vorschein. So öffnet er neue Wege zum versöhnten Leben - auch mit sich selbst. Lästige geduldig zu ertragen - das  ist doch ein guter Vorsatz für die kommende Zeit. Mal sehen, ob es klappt. Ehrlich gesagt,  befürchte ich jetzt schon, dass auch  ich diejenige bin, die lästig ist und die Geduld der  anderen mächtig strapaziert. Für diesen Fall erhoffe ich mir eines besonders: Barmherzigkeit.

Jutta Fechtig-Weinert

6. Denen, die uns beleidigen, gerne verzeihen

Es ist nicht leicht, sich verzeihen zu lassen. Und es ist ebenfalls gewiss nicht leicht, anderen zu verzeihen, wenn sie an uns schuldig geworden sind. Wie schwer fällt uns ein solcher Schritt zur Versöhnung, wo wir verletzt, gekränkt oder eben beleidigt worden sind. Aber genau hier spüren wir auch: Wenn Vergebung gelingt, dann werden unsere Beziehungen gleichsam entgiftet. Schließlich hat uns Jesus sogar angesichts jener Verletzungen, die ihm die Menschen zugefügt haben, vergeben. So kann uns der Blick auf das Kreuz Jesu die Kraft zum Verzeihen geben.

Pfarrer Klaus Nebel

7. Für die Lebenden und für die Toten beten

Jeden Tag wird gebetet; für Dich, für mich und für die Toten. Auch wenn ich nicht dabei teilnehme, auch wenn es mir nicht bewusst ist, wird es in der ganzen Welt gebetet. So bunt, wie die Gesellschaft und auch die Kirche sind, ist auch die Vielfalt von Gebeten. Jede, der betet, sucht sich eine passende Gebetsform. Jede muss selbst wissen, wo und wie er Gott in seinem Alltag begegnet.

Ich bete auch. Ich bete nicht nur als Vorbeter in der Kirche, einer Trauerhalle oder am Grab. Ich bete auch „quasi für mich“ alleine. Ich suche gerne Momente im Alltag, in denen ich alleine mit meinem Schöpfer bin. Ich suche Momente, in denen  ich schöpfe; in denen ich beschenkt werde; in denen ich an Gott etwas abgebe. Ich benutze auch gerne die Vielfalt von Gebeten. Ich bete das Brevier. Ich nehme den Rosenkranz in die Hand. Ich feiere die Hl. Messe und bete mit eigenen Worten. Ich bete für die Kirche. Die Gebetsgemeinschaft wird mir immer ganz bewusst, wenn ich die Worte des Hochgebets der Hl. Messe ausspreche. Diese Worte werden jeden Tag unzählige Weise in der ganzen Welt in vielen Sprachen ausgesprochen. Die Verbundenheit im Hl. Geist, durch den Papst, Bischöfe und Priester, mit den Lebenden und den Toten, mit allen Engel und Heiligen in dieser Welt und bei Gott. 

Hl. Messe ist für mich das Gebet, in dem ich für die Lebenden und die Toten bete. Gebet der Kirche für die Kirche und die Welt. Wo ich für Dich bete.

Kaplan Radoslaw Lydkowski