St. Bonifatius Wiesbaden

Barmherzigkeit

Theologie SpiritualitätBenjamin Dahlhoff

„Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer.“ Mit diesem Satz zitiert Jesus im Matthäusevangelium zwei Mal den Propheten Hosea, der als erster die Zuwendung Gottes zum Menschen mit dem Verb „lieben“ zum Ausdruck brachte. Im Blick auf das gegenwärtige Jahr der Barmherzigkeit betrachten wir in diesem Pfarrbrief eben diese Zuwendung Gottes, die auch liebende Antwort erwartet. Eine Form dieser liebenden Antwort sind die leiblichen und die geistigen Werke der Barmherzigkeit. Hier verharrt Glaube nicht in theoretischer Betrachtung, sondern bekommt in der jeweiligen Aktion „Hand und Fuß“.

Hochaltar mit den sieben Werken der Barmherzigkeit in der Kirche St. Martin in Oestrich. Alle Fotos: Benjamin Dahlhoff 2016

Hochaltar mit den sieben Werken der Barmherzigkeit in der Kirche St. Martin in Oestrich. Alle Fotos: Benjamin Dahlhoff 2016

Über mehr als ein Jahrzehnt hatte ich diese leiblichen Werke fast täglich vor Augen. Im Aufbau des Hochaltars in Oestrich im Rheingau, wo ich Pfarrer sein durfte, sind sie dargestellt: Hungrige speisen, Durstige tränken, Fremde beherbergen, Nackte bekleiden, Kranke besuchen, Gefangene aufsuchen und Tote bestatten. Sie schmücken dort die Außenflügel des Altars in quadratischen Tafeln. Allerdings brauchte man zu den sieben gleich großen Tafeln noch eine ergänzende achte, um die Flügel des Altars zu füllen. Was also hinzufügen? Künstler und Auftraggeber entschieden sich für eine pastorale Erweiterung: der gute Hirt mit dem Schaf auf den Schultern als Konsequenz der Werke der Barmherzigkeit. Glaube fordert barmherziges Handeln. Bei einem Ausflug in den Rheingau können Sie die Originale der Darstellungen in der Oestricher Martinskirche betend betrachten.

Stephan Gras

1. Die Hungrigen speisen. 
2. Den Dürstenden zu trinken geben.

Muss man das bei uns in Deutschland tun - die Hungrigen speisen und den Dürstenden zu trinken geben? Wir sind hier doch versorgt! Keiner muss Hunger oder Durst leiden. Wir haben hier so viel zu Essen, dass Nahrungsmittel bereits vom Supermarktregal in die Tonne wandern. Zu Hause können wir den Wasserhahn aufdrehen und es kommt frisches sauberes Wasser heraus. Also ist doch alles in Ordnung! - Oder? Ja keiner muss Hunger und Durst leiden, denn wir haben ein gutes soziales Netz, welches uns im Notfall auffängt und unsere Existenz sichert. – Arbeitslosengeld und soziale Einrichtung wie die Tafeln machen es möglich. Trotzdem gibt es diejenigen unter uns, die von der sogenannten relativen Armut betroffen sind.  Worauf sie gründet hat bereits Jesus benannt, wenn er sagt: „der Mensch lebt nicht von Brot allein.“ Der Mensch braucht neben der materiellen auch die geistige Nahrung – er braucht Beziehung.

Denjenigen, die hier zu Lande arm sind, fehlt oft ein sicheres Beziehungsnetz. Es mangelt ihnen an einem stabilen Kontakt zu ihren Mitmenschen, weil ihr Lebensstandard wegen fehlender finanzieller Ressourcen zu gering ist. Dadurch haben sie schlechtere Bildungschancen. Es fehlt ihnen die Teilhabe am sozial-kulturellen Leben. Hieraus resultiert mitunter Wertverlust, Vernachlässigung und psychisches Leid. In der Folge werden diejenigen, die arm sind, oft abgehängt und ausgegrenzt. Von der relativen Armut können Menschen jeden Alters betroffen sein. Sie kann jeden treffen, auch wenn man es nicht erwartet.

Wenn man sich in unserer Gesellschaft also fragt, wer hungrig und durstig ist, dann ist eine Antwort darauf, dass es diejenigen sind, die auf Grund ihrer schlechten finanziellen Lage am Rande der Gesellschaft stehen. Wer diesen Menschen barmherzig begegnen möchte, der wendet sich ihnen zu, wie es der barmherzige Samariter bei dem Verletzten am Wegesrand getan hat. Er hilft ihnen, dass sie in der Gesellschaft selbstständig ihren Platz finden. Wer also seinen Blick für diejenigen öffnet, die am Rande stehen und bedürftig sind, und sich ihnen zuwendet, um ihnen Teilhabe in der Gesellschaft zu ermöglichen, der hat denjenigen, die bei uns hungern und dürsten, gespeist und zu trinken gegeben.      

Carola Müller, Gemeindereferentin

3. Die Nackten bekleiden.
4. Die Fremden aufnehmen.

Diese beiden Werke der Barmherzigkeit lassen sich mit dem aktuellen Engagement im Bereich der Flüchtlingshilfe in Verbindung setzen. Viele Ehrenamtliche und kirchliche Einrichtungen wenden sich geflüchteten Menschen zu und geben ihnen konkrete Hilfen, Lebensperspektiven und Heimat. Einige Beispiele der katholischen Kirche in Wiesbaden seien hier kurz erwähnt.

Mit seinem „Anziehtreff“ am Schulberg versorgt der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) auch schwangere Flüchtlingsfrauen mit einer Erstausstattung an Babykleidung. Darüberhinaus bietet der SkF verschiedene Beratungsangebote im Bereich der „Frühen Hilfen“ an. Die katholische Familienbildungsstätte stellt für geflüchtete Familien u.a. Eltern-Kind-Kurse kostenlos zu Verfügung. Ein Zuhause finden geflüchtete Familien in pfarreieigenen Wohnungen seit Sommer 2014. Sie werden durch haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter in Alltagsfragen unterstützt.

Ein Stück Heimat finden seit einiger Zeit auch viele Menschen aus Eritrea in der Kirche St. Michael im Stadtteil Weidenborn. Eine wachsende Gemeinde orthodoxer Christen trifft sich dort zum Gebet und zu Gottesdiensten in ihrer eigenen Sprache. Für viele ist dies ein Ort der Sicherheit und Normalität geworden.

Solche Orte sind für viele Geflüchtete auch die sogenannten Begegnungscafés an drei Kirchorten der Pfarrei. Es sind Begegnungsorte für Geflüchtete und Einheimische. Sie bieten die Möglichkeit zu sozialen Kontakten und Hilfe zur Selbsthilfe. Im „Nachbarschaftscafé Südost“ am Kirchort St. Michael treffen sich freitags nachmittags Menschen aus der Nachbarschaft und der ganzen Welt. Bei Kaffee und Tee, mit dem Wörterbuch in der Hand oder manchmal nur mit Gesten kommen Geflüchtete und Einheimische ins Gespräch. Bei Alltagsfragen helfen Berater und Übersetzer. Gemeinsam werden Freizeitaktivitäten durchgeführt. Das „Familiencafé St. Elisabeth“ im Westend hat ein ganz ähnliches integratives Angebot. Auch hier unterstützt ein ehrenamtliches Helferteam Flüchtlinge in Alltagsfragen und bietet Hausaufgabenhilfen für Kinder an. Im „Café International“ im Rheingauviertel startete jüngst das Theater- und Musikprojekt „MuT machen“ für Kinder mit und ohne Flucht- und Migrationshintergrund.

Ehrenamtlich durchgeführte Sprachkurse an den Begegnungsorten unterstützen diejenigen, die keinen Anspruch auf offizielle Sprachkurse haben. Sie ermöglichen so zur Teilhabe an unserer Gesellschaft. Sprach- und Integrationsangebote bietet auf professionelle Weise auch die Caritas in Wiesbaden an. In einer Schulungsreihe werden zudem ehrenamtlich Engagierte in der Flüchtlingshilfe qualifiziert.

Die gemeinsame Zielsetzung des genannten Engagements ist es, Menschen verschiedener Herkunft und unterschiedlichen Glaubens beieinander ankommen und aneinander teilhaben zu lassen. So lautet auch der Titel der Begegnungsabende, die u.a. von der katholischen Erwachsenenbildung organisiert werden. Fremde und Einheimische begegnen sich auf Augenhöhe, sie reden miteinander, nicht übereinander.

Die genannten Beispiele sind Orte der lebendigen Barmherzigkeit. Das lateinische Wort für Barmherzigkeit ist „misericordia“. Darin enthalten sind die zwei Worte: das Herz und die Armen. „Misericordia“ könnte man übersetzten mit dem Satz „sein Herz bei den Armen haben“. Kirchliches Engagement hat immer auch die Armen und Hilflosen im Blick. Ohne die Herzenswärme, die Liebe zu den Menschen, ist aber alles nichts. Die Liebe gibt die Perspektive vor. Menschen in den Aufnahmeeinrichtungen und Notunterkünften sind unsere Nachbarn geworden. Für sie da zu sein und ihnen Lebensperspektiven und Heimat zu geben, drängt uns die liebende Barmherzigkeit.

Heiko Litz, Gemeindereferent

5. Die Kranken besuchen.

Jesus ist den Kranken begegnet und hat sie geheilt. Dadurch zeigte er ihnen gegenüber seine große Wertschätzung und Liebe. Liebe Kranke, auch heute will Jesus Ihnen in der Krankenkommunion und in der Krankensalbung begegnen, Ihnen Kraft und Trost schenken. Deshalb besuchen wir, pastorale Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, Sie gerne zu Hause, in Krankenhäusern, in Altenheimen. Wenn Sie das möchten, rufen Sie bitte das zentrale Pfarrbüro an!  

Sr. Katrina Dzene, Gemeindereferentin

6. Die Gefangenen besuchen.

Wem würde ich heute bei einem Gefängnisbesuch begegnen? Mördern, Terroristen, Sexualtätern, Betrügern, Drogenhändlern, Dieben. Kann ich in ihnen meine Brüder und Schwestern in Christus sehen? Oder sind meine Vorurteile zu groß? Wie kann einem Massenmörder vergeben werden?
Gottes Liebe ist radikal. Gottes Barmherzigkeit ist radikal. Zum Glück. Auch für uns.

Sr. Katrina Dzene, Gemeindereferentin

7. Die Toten begraben

Es klingt so banal. Natürlich begraben wir die Toten. Was soll daran ein Werk der Barmherzigkeit sein? Als Christen sollten wir das Leben des Verstorbenen ins “rechte Licht” rücken: in das Licht Gottes. Er kennt unser Leben mit Höhen und Tiefen und er liebt uns mit all unseren Lebenswegen, mit den krummen und den geraden Wegen. So gilt es, beim Tod eines Menschen mit den Augen Gottes auf dieses Leben zu schauen. Mit den Augen dessen, der nichts schön redet, aber auch um alle Zusammenhänge weiß. Mit den Augen dessen, der die tiefsten Ängste und Sehnsüchte des Verstorbenen kennt. Bei der Beerdigung beten wir: „Zu unserer Geburtsstunde und zu unserer Todesstunde da rufst Du uns beim Namen“. Er ruft uns beim Namen. Er ruft uns mit unseren Stärken und Schwächen, mit unserer ganzen Lebensgeschichte, die in seiner Hand geschrieben steht (Jesaja). So hat unser Leben eine hohe Würde, die es zu würdigen gilt. Und dies gilt auch für Menschen, deren Leben aus unserer Sicht gescheitert ist, die uns enttäuscht oder sogar verletzt haben. Das Gleichnis des „barmherzigen Vaters“ zeigt uns die Liebe Gottes für jeden von uns. Wenn wir jeden Menschen in dieser Liebe würde- und respektvoll beisetzen und ihn Gottes Händen anvertrauen, dann ist das Begraben der Toten wahrlich ein Werk der Barmherzigkeit. 

Andreas Schuh, Gemeindereferent

In der kommenden Ausgabe lesen Sie mehr über die „geistigen“ Werke der Barmherzigkeit.