St. Bonifatius Wiesbaden

November: Totengedenken und Trauer

Aufsuchende SeelsorgeBenjamin Dahlhoff
Bild: Gudrun/Fotolia

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Trauerbegleitung im Jahr der Barmherzigkeit

Barmherzigkeit heißt Zuwendung. Sich dem Menschen zuzuwenden, sein Kreuz mitzutragen, seine Tränen mitzuweinen und seinen Schmerz in Worte zu fassen. Ihn aufzurichten, ihm neue Orientierung zu geben und ihm zuzusagen: „Gott ist bei Dir!“

Ich klingle. Eine in Schwarz gekleidete Dame öffnet mir die Tür. „Schön, dass Sie gekommen sind – kommen Sie herein“. Und dann setzen wir uns ins Wohnzimmer. Ich frage, was geschehen ist. Und sie erzählt mir, wie sie ihre Mutter nun seit drei Jahren pflegte, täglich bei ihr war, ihr die Hand hielt. Eines Tages hatte sie schon dieses eigenartige Gefühl, als sie zu ihrer Mutter fuhr, und sie fand sie tot in der Wohnung. Die Mutter war schon weit über 80 Jahre. Sie habe ja täglich mit dem Tod der Mutter gerechnet. Aber dass es nun doch so weh tut, darauf war sie nicht vorbereitet. Unterschiedlichste Gefühle mischen sich bei ihr zu einem diffusen Nebel, der sich wie ein schweres Tuch über ihr Leben gelegt hat. Einsamkeit, Schmerz, Traurigkeit, Dankbarkeit und unzählige Fragen beschäftigen sie. Miteinander realisieren wir diesen großen Bruch, den es durch den Tod der Mutter in ihrem Leben gab: dieses NIE MEHR! Nie mehr ihre Stimme hören; nie mehr ihre Hand halten; nie mehr  in ihre Augen sehen, nie mehr… , nie mehr …. . Im weiteren Gespräch wird auch deutlich, dass der größte Schmerz der ist, dass man zu wenig Zeit füreinander hatte. In ihrer Kindheit war die Mutter beruflich sehr eingespannt. Als sie endlich in den Ruhestand ging, hatte die Tochter kaum Zeit. Trauer um verlorene Zeit. Trauer um ein gemeinsames Leben, für das keine Zeit war. Wir überlegen gemeinsam, wie sie etwas von dem Verpassten in Zukunft nachholen kann. Wie sie ihr Leben, Geburtstage, Todestag, Ostern und Weihnachten ganz bewusst „mit“ ihrer Mutter gestalten kann: in regelmäßigen Zeiten, die sie sich für die Trauer um ihre Mutter nimmt; die Kerze, die sie an den Feiertagen nur für die Mutter anzündet, Orte aufzusuchen (das muss nicht das Grab sein), an dem sie sich ihrer Mutter besonders nahe fühlt … .
So schauen wir miteinander auf die tiefe Traurigkeit, suchen aber auch Wege, diese Trauer zu gestalten, ihr Orte und Zeiten zu geben, damit sie nicht das ganze Leben bestimmt. 

Bei der Trauerfeier spreche ich diesen Schmerz an, den Verlust, die Traurigkeit, diese NIE MEHR. Aber wir schauen auch dankbar auf das Leben der Verstorbenen und skizzieren mit Worten ein Bild ihres Lebens: über Stärken und Schwächen, über ihr Wesen, über das, was ihr Leben ausmachte, und nicht selten über Kurioses aus diesem Leben. Und das Schmunzeln, das dann durch die Reihen geht, tut allen sehr gut. „Ja – so war sie! Und Gott weiß um all das, was war: die Höhen und Tiefen. Er weiß um Gelungenes und Misslungenes. Er kennt ihre tiefsten Gedanken und Sehnsüchte. Und er wird sie mit offenen Armen erwarten!“ 

Wenn wir die Trauer und den Schmerz der Menschen ernstnehmen und uns darauf einlassen, nehmen sie auch uns ernst, wenn wir ihnen etwas vom Himmel und unserem Glauben an das ewige Leben erzählen. Die Begleitung in der Trauer und die Gestaltung der Trauerfeier bzw. der Beerdigung ist auch eine Chance, Gläubige und Kirchenferne mit unserer Botschaft zu erreichen. Für mich ist es immer ein kleines Wunder, wie sehr uns auch Menschen, die uns oft vorher nicht kannten, vertrauen. Dass sie ihre Lebensgeschichte und ihre Gefühle mit uns teilen. Dass sie uns auch vertrauen bei der Frage: Was kommt nach dem Tod? 

Es ist nicht nur eine große Verantwortung, sondern auch eine große Ehre, als Seelsorger diesen Weg mit Menschen gehen zu dürfen, die richtigen Worte zu finden und das Leben des Verstorbenen gemeinsam mit den Angehörigen mit Gottes liebenden Augen zu betrachten. Mit den Augen dessen, der nichts schönredet, aber auch um alle Zusammenhänge weiß. Mit den Augen dessen, der die tiefsten Ängste und Sehnsüchte des Verstorbenen kennt. Bei der Beerdigung beten wir: „zu unserer Geburtsstunde und zu unserer Todesstunde, da rufst Du uns beim Namen“. Er Gott? ruft uns beim Namen. Er ruft uns mit unseren Stärken und Schwächen, mit unserer ganzen Lebensgeschichte, die in seiner Hand geschrieben steht (Jesaja). So hat jedes menschliche Leben eine hohe Würde, die es zu würdigen gilt. Und dies gilt auch für Menschen, deren Leben aus unserer Sicht gescheitert ist. Das Gleichnis des „barmherzigen Vaters“ zeigt uns die Liebe Gottes für jeden von uns. Wenn wir jeden Menschen in dieser Liebe würde- und respektvoll beisetzen und ihn Gottes Händen anvertrauen, dann ist das ein Werk der Barmherzigkeit. Nicht unserer Barmherzigkeit, sondern der Barmherzigkeit Gottes!
Am Sonntag, den 6.11. um 15 Uhr segnen wir die Gräber auf dem Nord- und Südfriedhof. Wenn wir das tun, vertrauen wir unsere Angehörigen der Barmherzigkeit Gottes an, seiner unendlichen Liebe.

Am Donnerstag, den 10.11. um 12.30 Uhr gedenken wir in St. Bonifatius wieder der verstorbenen Obdach- und Heimatlosen. Wir gedenken ihrer und beten für sie in dem Vertrauen, dass sie bei Gott endlich Heimat und ein Zuhause gefunden haben und dass bei ihm alle Wunden ihres Lebens verheilen dürfen.

„Zieht Dich das mit den vielen Beerdigungen und Trauerbegleitungen nicht runter?“, werde ich immer mal wieder gefragt. Nein - ganz im Gegenteil. Es macht mir deutlich, wie kostbar jeder Tag dieses Lebens ist und dass es nichts Wichtigeres gibt, als sich von Gott getragen zu wissen und mit Menschen gemeinsam durch dieses Leben gehen zu dürfen. Ich weiß mich reich beschenkt durch das Vertrauen, das mir entgegengebracht wird und die große Ehre, Menschen auf diesem wichtigen Lebens-ab-schnitt begleiten zu dürfen.

Andreas Schuh, Gemeindereferent