St. Bonifatius Wiesbaden

Madonna

Die schwangere Madonna

GemeindebriefBenjamin Dahlhoff

Gott wird Mensch, ganz und gar, „in allem uns gleich, außer der Sünde“

Bild: Madonna del Parto von Piero della Francesca. Lizenz: Gemeinfrei.

Bild: Madonna del Parto von Piero della Francesca. Lizenz: Gemeinfrei.

Monterchi, ein kleines Nest in einem abgelegen Winkel der beliebten Touristenregion Toskana. Dorthin ist sie von der Wand einer Friedhofskirche in ein Museum umgezogen: die Madonna del Parto, übersetzt die Madonna der Geburt, besser die Schwangere Madonna. Der Maler Piero della Francesca hat sie im 15. Jahrhundert gemalt.

Ein prachtvolles Zelt, zwei völlig symmetrische Engel, nur durch die Gewandfarbe in Kontrastfarben, grün und rot, unterschieden, öffnen die Zeltwand und geben den Blick frei auf eine Frau in einem strengen blauen Kleid. Stolz und ja, auch ein wenig trotzig, schaut sie uns an. Die linke Hand in die Hüfte gestemmt, die Rechte sanft auf ihren Bauch gelegt, diese Frau ist sichtbar schwanger! Über ihrem Bauch öffnet sich das Kleid und lässt das weiße Untergewand durchscheinen. Dies betont noch ihren Zustand.

Für mich ist dieses Bild ein wirkliches Weihnachtsbild!

Wir erwarten für Weihnachten die Krippenszene: Maria und der Neugeborene in der Krippe. Eher bringen wir noch die weitverbreiteten Bilder und Figuren der Madonna mit dem Kind mit Weihnachten in Verbindung: Maria, oft in königlichem Gewand, mit dem Kind im Arm oder auf dem Schoß. Hier begegnet uns eine andere Madonna: eine einfache Frau, die Frau aus dem Volke, wie wir sie im Lied „Maria dich lieben“ besingen. Der flache Heiligenschein wirkt gar, als würde sich der Boden in ihm spiegeln. Alles ist menschlich, irdisch. Hier verdichtet sich die Botschaft der Inkarnation, der „Fleisch-“werdung Gottes.

Gott wird Mensch, ganz und gar. Er bricht nicht einfach ein in unsere Welt, ist nicht plötzlich da, er ist nicht der „Deus ex machina“, der „Gott aus der Maschine“ der im Theaterspiel plötzlich am Ende auftaucht und alles richtet, das Happy End produziert.

Gott taucht nicht auf, er taucht ein in unsere Menschsein voll und ganz, in allem uns gleich, außer der Sünde, wie wir im vierten Hochgebet beten.

Gott fügt sich ein in eine konkrete Geschichte, deswegen die, wenn auch unterschiedlichen, Stammbäume Jesu im Matthäus- und Lukasevangelium. Dies zeigt sich eben auch in der Schwangerschaft, in der Geburt im Leben und Sterben Jesu. So können wir auch glauben, dass unser Menschsein durch ihn in seine Auferstehung hineingenommen ist. Für mich verdichtet das Bild der Madonna del Parto diese Botschaft. Diese stolze Frau, die Frau des Magnifikat: „von nun an preisen mich selig alle Geschlechter“, trägt die Hoffnung der Welt in ihrem Leib. Die Hand auf ihrenm Bauch weist diskret, aber deutlich auf ihn, der in ihr heranwächst.

Doch dieses Bild weist auch schon hin auf das Folgende: nicht nur auf die anstehende Geburt, man kann durchaus im Riss ihres Kleides den zerrissenen Vorhang im Tempel erahnen, Tod und Auferstehung!

Mehr noch, ich sehe in diesem Bild auch das Symbol für die Botschaft Jesu vom Reich Gottes, das schon da ist und zugleich noch nicht da ist, nicht vollendet ist. Wir sagen zurecht von einer schwangeren Frau, sie ist guter Hoffnung. Guter Hoffnung sein heißt: Hoffnung, dass die Welt schwanger ist, dass Reich Gottes in ihr da ist, wächst heran und wird am Ende geboren werden.

Foto: Philippe Jaeck

Foto: Philippe Jaeck

In unserer Pfarrei befindet sich auch eine Darstellung der Schwangeren Madonna. Auf dem Titel ist sie abgebildet. Sie stammt aus Peru und ist im Besitz der Gemeindereferentin Bernarda Westrup. Sie erzählt, dass es für den Künstler nicht einfach war, so eine Darstellung der Maria zu schaffen. Maria als Schwangere, das galt als anstößig, sind doch in der Neuzeit solche Darstellungen aus der Kunstgeschichte verschwunden, genauso wie Bilder der stillenden Maria der „Madonna Lactans“. Es war im Bewusstsein zu viel der „Fleisch-“werdung.

Der Künstler malte dann den Heiligen Geist in Gestalt auf den Bauch und schon war die Figur akzeptiert.

Pfarrer Mathias Ohlig