Mitten im Hochsommer vom 16. bis 23. Juli 2026 eine Woche mit dem Bus an einer Städtereise nach Nordfrankreich zu kunsthistorischen Bauten teilnehmen? Und dazu noch mit täglichem Hotelwechsel? Wer macht denn sowas? Auch ich hatte diese Gedanken, als ich mich Anfang des Jahres anmeldete. Doch der Verlauf der Reise und die vielen Eindrücke, die ich sammeln konnte, waren jede Mühe wert.
In der Kathedrale St. Etienne, Metz
Zwölf kirchliche Bauwerke in einer Woche sind eine Herausforderung.
Gestaltet wurde das Programm von der Katholischen Erwachsenenbildung KEB Wiesbaden-Untertaunus und Rheingau in Kooperation mit der Katholischen Akademie Rabanus Maurus.
Für die fachliche kunsthistorische Begleitung war Dr. Simone Husemann (KEB) verantwortlich, die theologische Unterstützung übernahm Dr. Stefan Scholz (Haus am Dom, Frankfurt).
Zehn französische gotische Kathedralen (11. bis 14. Jh.), eine historisch wertvolle Klosterruine und die anfangs der Nachkriegszeit neu entworfene Kirche St. Joseph (Le Havre) in einer Woche zu besuchen, erschien wirklich überzeugend und reizvoll, verlangte von den Teilnehmern aber dann doch ein gewisses Standvermögen.
Unsere Reiseroute in Frankreich begann in Metz (Lothringen) mit der Kathedrale St. Etienne (13. Jh.) und führte dann nach Notre-Dame de Reims (im Wesentlichen errichtet 1210 bis 1275), der Krönungskirche französischer Könige. Die folgenden Orte waren auf die nächsten Tagesetappen verteilt: Laon, Amiens (Picardie), Rouen (Normandie), die Ruinen der Benediktinerabtei Jumièges (ca. 30 km westlich von Rouen), Caen, Le Havre, Mont-Saint-Michel, St. Malo, Dol de Bretagne, Le Mans und schließlich Chartres als krönender Abschluss.
Paris hätte mit seinen Kathedralen Notre Dame und St. Denis sicher auch gut zum Thema gepasst, das wäre jedoch des Guten zu viel geworden. Das „Sammeltaxi“ für unsere Tour war – auch innerhalb der Städte – unser deutscher Reisebus mit einem exzellenten und kooperativen Fahrer.
Die Bauwerke wirken – ästhetisch und spirituell
Beschäftigt man sich tagtäglich „in natura“ mit gotischen Kathedralen, die alle zwischen dem 11. und dem 14.Jh. gebaut wurden, so kennt man bald ihr Bauprinzip: im Innern das hohe Kreuzgewölbe mit Spitzbögen, darunter die auffallend hohen, schlanken Bündelpfeiler. Strebepfeiler stützen die relativ dünnen Außenmauern, somit sind hohe Fenster möglich. Zur Gestaltung der Fensterbögen wendeten die Steinmetze geometrische Formen an, das sog. Maßwerk.
Unabhängig von der gleichen Bauweise merkt man als Besucher bald, dass jede Kathedrale ein Unikat ist, wie eine Persönlichkeit mit ihren Eigenarten. Unwillkürlich übt sie eine mentale Wirkung auf den bzw. die Besucher aus: Vieles begeistert einen, anderes weniger. Es ist wie bei Gemälden, Möbelstücken oder Kleidung – nur steht man in der Kathedrale im Kunstwerk selbst und wird stillschweigend aufgefordert, sich mit dem ganzen Raum und seiner Architektur auseinanderzusetzen. Die Orientierung ist nicht einfach, ein Vorwissen hilft, zum Glück gab es immer eine Erklärung der kompetenten kunsthistorisch versierten Reiseleiterin.
Manche Kirchen wirken überladen – die Favoritin nicht
Die Kathedralen in Reims und Rouen sind eher als nationale bzw. regionale (Rouen) Symbole zu sehen, sie wirken kühl, sachlich, repräsentativ und irgendwie perfekt.
Die größte Kathedrale Frankreichs in Amiens (Notre-Dame, 1220 bis 1268) gibt dann schon eher Anlass zu Diskussionen. Die grandiose Westfassade mit überreicher Skulpturenausstattung verspricht für den Innenraum ähnliches. Steht man dann dort, schaut also „hinter die Fassade“, so ist man leicht irritiert. Die Innenausstattung ist nicht stimmig. Skulpturen und farbige, figürliche Darstellung von biblischen Szenen passen stilistisch manchmal nicht zusammen. Hier würde eine Neuorganisation – Motto „weniger ist mehr“ – Klarheit bringen. Aber das ist die unmaßgebliche Meinung eines Reiseteilnehmers.
Lächelnder Engel von Reims, Kathedrale Notre Dame
Ganz anders z. B. in Laon, Le Mans und auch in Metz. Bei der Planung und beim Bau der Kathedralen wurden bewährte Elemente der jeweiligen Vorgängerkirche oder eine vorteilhafte Lage geschickt in das Baukonzept einbezogen. In Laon und Le Mans fallen romanische Elemente in der gotischen Kathedrale auf – stören aber nicht. Die Kathedrale in Metz entstand zwischen dem 13. bis 15.Jh. sogar durch die Verbindung von zwei praktisch nebeneinanderliegenden Kirchen. Es ist noch zu ergänzen, dass von vielen Reiseteilnehmern die Kathedrale von Laon als Favoritin bezeichnet wurde. Diese Kirche ist hell, hat eine angenehme Atmosphäre und wirkt nicht überladen.
Ein Trauergottesdienst für einen Feuerwehrmann verhindert zunächst den Eintritt
Leider wurden wir in Laon auch mit der Realität des Alltags konfrontiert, als vormittags für uns der Eintritt in die Kathedrale gesperrt war. Denn zu dieser Zeit fand dort der Trauergottesdienst für einen jungen Feuerwehrmann des Ortes statt, der bei der Waldbrandbekämpfung tödlich verunglückt war. Auf dem Vorplatz der Kirche gaben ihm (geschätzt) ca. 300 Personen das letzte Geleit, davon die Hälfte Feuerwehrleute aus der ganzen Region.
Chartres: Der Glaube motivierte Planende und Ausführende zu Höchstleistungen
Der Glanzpunkt der Reise war die Kathedrale Notre Dame von Chartres (1196-1245). Diese Kirche ist schon für sich ein ganzes Museum an christlicher Kunst. Man fühlt sich bald überfordert angesichts dieser Fülle von Eindrücken, Skulpturen und Glasfenstern. Man muss viel Zeit mitbringen, ein ausreichendes Vorwissen und – wenn vorhanden, ein gutes Fernglas. Die Konzentration auf die Details der berühmten Buntglasfenster und der Steinmetzarbeiten fällt so leichter. Bedenkt man, dass die besuchten Kathedralen vor über 800 Jahren von Planern und Ausführenden mit einfachsten technischen Hilfsmitteln und oft unter gefährlichen Arbeitsbedingungen errichtet wurden, so kann die Motivation für das Werk nur ihr Glaube gewesen sein.
Das macht einen schon nachdenklich.
Abschließend kann ich sagen, dass diese Reise für mich ein Gewinn war. Sie verlief sehr harmonisch und war gut organisiert. Wir wurden zu jedem Ort, zur Historie der Kathedralen und zu den theologischen Hintergründen umfassend informiert. Mein Dank gilt Dr. Simone Husemann und Dr. Stefan Scholz.
Rainer Lemberg