St. Bonifatius Wiesbaden

Er wird alle Tränen aus ihren Augen wegwischen

Benjamin Dahlhoff

Aus dem Gemeindebrief 11/2014

Schwerpunkt des Monats

„Er wird alle Tränen aus ihren Augen wegwischen“ (Offb 21,4)

Nicht nur das trübe Wetter und das fallende Laub führen uns im November das Sterben vor Augen. Auch unser Fest Allerseelen erinnert uns an unsere Verstorbenen, derer wir in diesem Monat besonders gedenken.

Es ist jetzt drei Wochen her, als er starb. Und nun steht sie am Grab, Tränen in den Augen. In der Wohnung ist es immer noch kaum auszuhalten. Er fehlt. Schon morgens beim Aufwachen: neben ihr der Platz ist leer. Der Stuhl am Tischende – leer. Er kocht nicht mehr den Kaffee. Nicht dass sie das selbst nicht könnte, aber sein Kaffee hat immer besser geschmeckt. Das war ihr früher nie so bewusst.  Auch die Selbstverständlichkeit seiner Gegenwart steht nun in einem anderen Licht. Die Bilder an der Wand erzählen von ihrem gemeinsamen Leben. Von den Urlauben und schönen Familienfesten. Wie können Erinnerungen gleichzeitig so schön und so schmerzhaft sein. Und sie verlässt die Wohnung und geht noch täglich ans Grab. „Kopf hoch – das wird schon wieder“ haben ihr Freunde und Angehörige gesagt. Sie wusste, dass das gut gemeint war. Aber sie wusste auch: nein – es wird nicht wieder – nie wieder! Sie geht wieder arbeiten.

Freundlich lächelt sie die Kollegen an. Dabei ist ihr zum Heulen zumute. Sie hatten einen Kranz und eine liebevolle Karte geschickt. Doch jetzt spricht keiner mehr darüber. Das Leben muss doch weiter gehen.  Gerne würde sie mit Freunden darüber sprechen. Aber dort hört sie nur „Du musst mal wieder unter die Leute. Das Leben geht doch weiter!“ Und einer sagte „Du musst Dich damit abfinden“.   Nein – abfinden möchte sie sich damit nicht. Sie möchte nicht vergessen. Viel zu kostbar war die gemeinsame Zeit. Manchmal steht sie am Grab und malt sich in Gedanken Bilder von ihrem Mann. Von dem Ort, wo er nun ist und wie es ihm wohl geht. Und sie sieht ihn lächeln, glücklich. Und als sie ihn fragt „Wie geht es Dir?“, spürt sie tief in ihrem Herzen eine Wärme und einen Frieden. So als würde er ihr sagen „Mir geht es gut – alles ist gut hier!“ Das gibt ihr etwas Trost und Mut zum Weiterleben …

So oder ähnlich ergeht es vielen, die einen wertvollen Menschen verloren haben. Ganz gleich, ob es erst einige Wochen oder schon Jahre her ist. Das Leben und die Menschen darin marschieren weiter, als wäre nichts geschehen. Alles muss wieder funktionieren. Dabei ist die Welt  für die Betroffenen zusammengebrochen und nichts ist mehr wie es war. Selbst besten Freunden und engsten Angehörigen fehlen die passenden Worte. Was gut tut? Eine liebevolle Umarmung, dass einer wirklich zuhört, ohne gleich dem Trauernden seine Trauer nehmen zu wollen. Und es ist so: was der Betroffene erlebt, kann man als Außenstehender bestenfalls erahnen. Viele Trauernde fühlen sich dann alleingelassen, z.T. über Jahre hinweg. Gerade wenn das erste Jahr zu Ende ist, stoßen Sie mit ihrem Schmerz auf wenig Verständnis. Ebenso gibt es nicht wenige Trauernde, deren verstorbener  Angehöriger ein sehr schwieriger Mensch war, der sie zutiefst enttäuscht oder verletzt hat. Und mit wem kann ich darüber sprechen? Wem kann ich sagen, dass dieser Tod für mich eine Erleichterung oder sogar Erlösung ist? Darf ich überhaupt so denken? Schuldgefühle belasten zusätzlich.

Tröstlich ist für mich der Glaube an einen Gott, der um das alles weiß. Der mich kennt. Der den Verstorbenen kennt. Der die gemeinsame Geschichte kennt. Und ihm kann ich all das anvertrauen: meine Traurigkeit, meine Einsamkeit, den tiefen Schmerz, die große Enttäuschung, meine Perspektivlosigkeit, meine Fragen.

Ein Bild des Himmels – das ist oft das einzige, was uns in solchen Situationen Trost schenkt. Wir können den Verstorbenen nicht zurückholen. Wir können das gemeinsame Leben nicht in dieser Weise fortsetzen wie bisher. Aber wir können darauf vertrauen, dass der Verstorbene nicht ins Leere geht, sondern aufgefangen ist. Paulus schreibt: „Wir wollen Euch über die Verstorbenen nicht in Unkenntnis lassen, damit ihr nicht trauert wie die, die keine Hoffnung haben!“ Paulus sagt nicht, dass wir nicht trauern sollen. Er wird selbst genug Verluste im Leben erlitten haben, dass ihm Traurigkeit, Einsamkeit und Schmerz nicht fremd sind. Aber gerade als gläubige Christen dürfen wir beide Seiten sehen: Meinen Verlust und Schmerz auf der einen und die Hoffnung auf Gottes Liebe und Geborgenheit auf der anderen Seite. Das lässt sich nicht miteinander verrechnen, das hebt sich nicht auf. Aber es erweitert den Blick und gibt Trost. Auch können wir gewiss sein, dass dieser Weg zu Gott ein Weg der Erkenntnis ist. Dass unsere Verstorbenen sehen, was in ihrem Leben gelungen und was misslungen ist. Wir können Gott vertrauen, dass auch der Verstorbene, der mir das Leben schwer machte, begreift und manches nun mit ganz anderen Augen (mit Gottes Augen) sieht. Und es wird ein Ort des Heils und des Heilens sein. All die Verletzungen und Enttäuschungen unseres Lebens dürfen dort verheilen: „Er wird alle Tränen aus ihren Augen abwischen, der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal.“ (Offb 21). Als Christen tragen wir all das gemeinsam vor Gott: in jedem Sontagsgottesdienst, in Trauerfeiern und in Gedenkandachten. In diesem Vertrauen dürfen wir unserer Toten gedenken. In dem Vertrauen, das sie in Gottes Liebe und Barmherzigkeit, in seinem Frieden Heimat finden. So darf ich Sie ganz herzlich zu unseren Gedenkfeiern einladen:
Gräbersegnung am Sonntag, den 2. November um 15 Uhr auf dem Nord- und dem Südfriedhof.
Ökumenischer Gedenkgottesdienst für die verstorbenen Obdachlosen am Donnerstag, den 13.11. um 12.30 Uhr in St. Bonifatius. Anschließend sind alle Gottesdienstbesucher in die Teestube zu Kaffee und Kuchen eingeladen.

Andreas Schuh, Gemeindereferent

Bildnachweis: "Trauer" v. Klaus Herzog via Pfarrbriefservice.de