St. Bonifatius Wiesbaden

Ostern – Aufbruch in das neue Leben

GemeindebriefPhilippe Jaeck

Bei dem griechischen Philosophen Platon, der 400 Jahre vor Christus gelebt hat, findet sich ein Satz, der sehr nachdenklich macht. Platon schrieb: „Der ganz gerechte Mensch wird von den anderen Menschen gegeißelt, gefoltert, gefesselt und geblendet werden, und als Höhepunkt der Qualen wird man ihn schließlich kreuzigen!”

Was sich zunächst liest wie eine prophetische Ahnung der philosophischen Vernunft im Hinblick auf den Tod Jesu am Kreuz, stellt uns freilich eine Frage: Sind wir Menschen wirklich so? Sind wir so, dass wir den ganz Gerechten nicht ertragen können und mit ihm das eigentlich Gute zurückweisen, vielleicht weil er uns einfach ungeschminkt den Spiegel vorhält und uns im Gewissen anklagt? Dem Wort Platons entspricht in erschreckender Weise eine biblische Stelle aus dem Buch der Weisheit: „Lasst uns dem Gerechten auflauern! Er ist uns unbequem! Roh und grausam wollen wir mit ihm verfahren. Zu einem ehrlosen Tod wollen wir ihn verurteilen!“ Im Buch der Weisheit geht es freilich um mehr als nur um diese dunkle Einsicht. Hier geht es um die Identität des Gerechten: „Wir wollen prüfen, ob er wirklich der Sohn Gottes ist. Wenn seine Worte wahr sind, dann nimmt sich Gott seiner an.“

Jesus kündigt den Jüngern sein Leiden und Sterben an. Wir wissen aus dem Passionsbericht, dass es bei Jesus nicht nur darum ging, dass er unbequem gewesen wäre, weil er anderen einen Gewissensspiegel vorgehalten hätte. Vielmehr ging es um die Identität Jesu. Sein Anspruch, der Sohn Gottes zu sein, war der eigentliche Stein des Anstoßes, der zu seiner Hinrichtung führte. Doch die Ankündigung Jesu bringt nun noch wirklich unerhört neues: „Der Menschensohn wird nach drei Tagen wieder auferstehen!“ Das Evangelium berichtet davon, dass die Jünger den Sinn dieser Verheißung nicht verstanden. Um die Gefahr, der Jesus ausgesetzt war, wussten sie. Aber was Auferstehung bedeutet, das war ganz und gar außerhalb ihres Denkens und ihrer Vorstellungskraft. Die Auferstehungsberichte in den Evangelien bezeugen dies: Das, was der inneren Sehnsucht des Menschen nach Sinn und Leben ganz entspricht, aber eben doch selbst im Glauben damals undenkbar und unvorstellbar war, ist in der Begegnung mit dem auferstandenen Christus wirklich zum Ereignis geworden!

Darin zeigt sich auch, was christlicher Glaube ist: Er entspricht wohl dem, was im Licht der natürlichen Vernunft erkannt werden kann, etwa in der Philosophie. Aber der christliche Glaube ist viel mehr als das: Er ist auch nicht nur Prophezeiung oder Verheißung. Der christliche Glaube ist Ereignis! Der Herr ist auferstanden! Der Tod ist besiegt!

Die Auferstehung des Herrn ist der Identitätskern des christlichen Glaubens. Der Apostel Paulus schreibt dies ganz deutlich: „Wenn Christus nicht auferstanden ist, dann ist euer Glaube sinnlos. Nun aber ist Christus von den Toten auferstanden.“ Was bedeutet das?

Hätte der Tod das letzte Wort über unser Leben, dann wäre nicht nur der Glaube, sondern unser ganzes Leben sinnlos; dann wäre der Mensch ein tragisches Produkt der Natur, zum Scheitern im Tod bestimmt. Dann gäbe es keine Hoffnung auf eine letzte Gerechtigkeit und keine wirkliche Antwort auf die Frage, warum der Mensch gerecht und gut sein soll; dann gäbe es keinen unsere Existenz umgreifenden Sinn, keine Hoffnung auf das im tiefsten Sinne verstandene Glück, nach dem wir ein Leben lang suchen. Dann wäre auch Liebe im Sinne echter Hingabe und Selbstlosigkeit riskante Verschwendung des eigenen Lebens und möglicherweise verbunden mit der ständigen Angst, selbst zu kurz zu kommen.

Aber es ist anders! Mit der Auferstehung Jesu sind wir zu der gläubigen Gewissheit gekommen, dass der Tod nicht mehr das letzte Wort über unser Leben hat. Und damit ist uns auch alles andere wieder geschenkt: Das Leben hat einen Sinn, weil es sein Ziel in der Auferstehung, in der Ewigkeit Gottes hat. Und Liebe ist nicht mehr riskante Verschwendung sondern Vollzug der eigentlichen Bestimmung unsres Menschseins, ja ein immer mehr heimisch werden in jener letzten Heimat, die uns durch Tod und Auferstehung Jesu bei Gott bereitet ist, denn Gott ist die Liebe. So ist der auferstandene Christus auch der letzte und unaufgebbare Bezugspunkt wahrer Menschlichkeit. Von ihm her ist der Mensch befreit zum Leben, befreit zu echter Liebe. Von ihm her kann der Mensch wirklich Mensch sein.

Nun bleibt uns noch einmal die Frage vom Anfang, ob wir Menschen wirklich so sind, dass wir den Gerechten zurückweisen. Diese Frage stellt sich jetzt viel dringender, da wir seine Identität kennen: der ganz Gerechte und Gute ist der menschgewordene Gott, Jesus Christus.

„Gott ist tot und wir haben ihn getötet“, hat der atheistische Philosoph Friedrich Nietzsche formuliert und damit die Emanzipierung des Menschen unserer Zeit von Gott beschrieben. Heute können wir sagen, dass viele Gott beerdigt haben, begraben, so dass man nichts mehr von ihm sieht und man ihn buchstäblich über-gehen kann. Dabei sehen wir inzwischen deutlicher, dass der Glaubensverlust den Menschen von heute in eine Identitätskrise führt. Weil er Gott verloren hat, versteht er auch nicht mehr, was der Mensch eigentlich ist. Weil er den heiligen Gott verloren hat, ist ihm nichts mehr heilig; und so wird er zur Bedrohung seiner selbst. Die Ergebnisse dieser Entwicklung sind ein System der Ausbeutung von Welt und Mensch, das der eigentliche Grund für die Schrecknisse der Gewalt und Verfolgung überall auf der Welt ist. Denken wir nur an die Aushöhlung des Lebensschutzes gerade am Anfang und Ende des menschlichen Lebens, an die Zersetzung der Familie, die Verwüstung der Umwelt, wie auch die moralische Verwüstung der Inwelt des Menschen.

Es muss aber nicht so sein. Glaube bedeutet, den menschgewordenen Gott anzunehmen und in seine Nachfolge zu treten. Das Kreuz Jesu, das aus rein menschlicher Perspektive ein Akt der Ablehnung Gottes darstellt, ist von Gott her zum Zeichen seiner unverbrüchlichen Treue und Liebe zum Menschen geworden. Es zeigt uns, dass Gott in seiner Liebe bis zum Äußersten gegangen ist. So ist der Herr, wie er selbst sagt, der letzte von allen und der Diener aller geworden, weil er allen das Leben erwirkt hat. So ist er wahrhaft der Erste, der erhöhte Herr. Das Kreuz Jesu ist uns so zum Siegeszeichen der Liebe Gottes geworden. Dem, der uns so liebt, können wir wirklich trauen. In Kreuz und Auferstehung Jesu hat sich Gott uns selbst als Gabe geschenkt, die ewiges Leben bringt. Das ist es, was wir an Ostern und schließlich an jedem Sonntag feiern.

So wünsche ich Ihnen von Herzen ein frohes und gesegnetes Osterfest.

Klaus Nebel, Pfarrer
Bild: Benjamin Gavaudo / CMN / pfarrbriefservice.de