St. Bonifatius Wiesbaden

Hinausgehen und ein Zeichen setzen

Aus dem Leben der PfarreiBenjamin DahlhoffComment

Kaplan Simon Schade betet mit der Gemeinde an Christi Himmelfahrt auf dem Luisenplatz vor der Bonifatiuskirche

Wiesbaden, 15. Mai 2015. „Nichts wird mehr so sein wie früher!“ - Unter dieses Motto stellte Kaplan Simon Schade seine Predigt an Christi Himmelfahrt. Den Verlust Jesu, den seine Jünger empfinden, als Jesus aus ihrer Mitte gerissen wurde, verglich er in seiner Predigt mit den Verlustgefühlen in der Kirchengemeinde, speziell in St. Bonifatius, in dieser Zeit. „Das ist genau die Situation, in der wir hier heute sitzen.“, so Schade, „Das ist die beste Beschreibung des Gefühls, wenn ich daran denke, wie es mit uns hier in Wiesbaden in unserer Gemeinde und unserer Pfarrei weitergehen soll“. Aber diese Situation ist wie so viele Erfahrungen im Glauben keine Endstation, sondern die Chance zu einem Anfang - war ja auch der Tod Jesu der Anfang des Neuen Lebens. Und so fanden auch die Jünger nach der Himmelfahrt Jesu neue Wege: „Sie aber zogen aus und predigten überall“ heißt es im heutigen Evangelium.

Um diesen Aufbruch mitzuerleben, lud Kaplan Schade die versammelte Gemeinde ein, sich auch auf den Weg zu machen und anstelle der Fürbitten im Herzen Wiesbadens für das Miteinander aller Menschen, Religionen und Sprachen zu beten. Und so folgten etwa 150 Menschen dem Aufruf und trugen singend und betend die Hoffnung auf ein friedliches Miteinander und neuen Schwung in der Gemeinde auf den Luisenplatz, mitten in das brodelnde Feiertagsleben der Stadt.

Zusammen mit den Betenden in der Kirche, im Gedenken an die Kranken und Anderen, die nicht kommen konnten und im Gebet verbunden mit der ganzen Welt setzen die Christen aus Sankt Bonifatius heute das Zeichen: Wir gehören zusammen!

Schade / Dahlhoff

Die Predigt im Ganzen

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

„Nichts wird mehr so sein wie früher!“ Dieser Satz umschreibt alles, was den heutigen Feiertag ausmacht. Alles, was wir gekannt haben, ist aus und vorbei, die guten alten Zeiten kommen nie mehr wieder. Das wird nicht nur den Jüngern klar, damals, als sie da stehen und staunen, als Jesus aus ihrer Mitte genommen wird und sie merken: Der ist jetzt nicht mehr da, so wie wir es kannten. Der kommt so nicht wieder. Und nicht nur diese Menschen von Galiläa, damals, fragen sich: Wie um alles in der Welt, wie um Himmels Willen, soll das jetzt weitergehen?
Nein, das ist genau die Situation, in der wir hier heute sitzen. Das ist die beste Beschreibung des Gefühls, wenn ich daran denke, wie es mit uns hier in Wiesbaden in unserer Gemeinde und unserer Pfarrei weitergehen soll. Das geht durch und durch. Brutaler als das Bild im heutigen Evangelium kann man das gar nicht darstellen: Der Mittelpunkt wird weggerissen, und alles, was die Jünger an Routinen und Sicherheiten hatten, ist vorbei –ein für alle Mal. Und auch hier bei uns in Wiesbaden, da brauchen wir uns nichts vorzumachen: Wir sind unserer Mitte beraubt, wir haben unsere gewohnten lieben  Traditionen und Bräuche verloren und alles, was wir versuchen zu bewahren, ist wie der Kampf eines Kindes mit seiner Sandburg gegen die steigende Flut. Unsere Gemeinden sind durchgeschüttelt worden in den vergangenen Jahren wie wohl wenige andere.  Und auch wenn an vielen Stellen es noch kaum zu glauben ist, aber die brutale Wahrheit ist: Unsere Gemeinden, so wie wir sie kannten, gibt es schon nicht mehr, ausser vielleicht noch in unseren Köpfen.

Diese Erkenntnis  tut weh, und schmerzt. Und ich sage das nicht als einer, der von außen kommt, sondern einer, der ein Wiesbadener Bub ist, einer, der hier in vielen Erfahrungen Heimat gefunden hat. Wir alle haben hier eine Geschichte hinter uns, haben Feste gefeiert, haben Fahrten miteinander geteilt, haben Gottesdienste gestaltet, gesungen und getrunken, gelernt und unzählige Stunden Arbeit reingesteckt. So wie die Jünger, die alles stehen und liegen gelassen haben für Jesus – und auf einmal ist er fort! Auf einmal ist dort, ist hier bei uns das Vertraute weg.
Für uns Menschen ist das ein Schock:

Die Menschen aus Galiläa verlieren alles – nicht nur den Herrn, die Orientierung, die Sicherheiten, sondern die Geschichte geht sogar so weiter, dass sie ihre geschützte Gemeinschaft verlieren: Nicht mehr nur Juden, sondern über die Grenzen der Stadt und der Religion hinaus sollen sie gehen. 

Die Menschen aus Wiesbaden verlieren alles- nicht nur den Pfarrer und die alten Routinen, sondern auch die alten Pfarreien und Gremien – die Zeiten, wo wir hier eine Pfarrei, in geschützter Mikrokosmos waren, sind vorbei. Nicht mehr nur hier, sondern auch über die alten Grenzen hinweg müssen und dürfen wir jetzt zusammenarbeiten. Und man merkt auch an vielen Stellen, wie vielen Menschen das weh tut. Wie Menschen bitter werden und zynisch, wie sie mit dem Verweis auf „das war schon immer so“ Mauern bauen und den Schwung hier bremsen, blockieren und Mauern bauen.

Aber genau diesen Schock brauchen wir. Dieses Wachrütteln, dieses auf die Nase fallen, um schlauer wieder aufzustehen. Es wird nie wieder so sein wie früher – so merken es die Jünger. Und es braucht Zeit, bis da neuer Schwung rein kommt, bis es so weitergeht wie im Evangelium, das endete mit: „Sie aber zogen aus und predigten überall und der Herr stand ihnen bei…“
Himmelfahrt beschreibt damit ganz treffend unsere Situation: Wir alle sind im Schock, weil wir mehr und mehr erkennen, dass das Alte verschwindet; dass die leeren Stellen nicht mehr besetzt werden; dass die leerer werdenden Gremien und Gottesdienste nicht mehr von alleine voll werden; dass es keine Garantien und Pläne gibt, an denen wir uns orientieren können.
Aber Himmelfahrt ist eben auch das Fest kurz vor Pfingsten, dem Moment, wo genau aus dieser Krise heraus der Geist zu wirken beginnt und mit neuer Begeisterung die Jünger aufbrechen und sich neu auf den Weg machen, mit unglaublicher Kraft und Leidenschaft. Und in manch einer neuen Initiative oder auch manchem Bekannten, wo es neue Versuche gibt, bricht das schon auf und zeigt, mit welcher Leidenschaft unser Herz brennt, wenn wir etwas finden, das uns neu antreibt. Das sind nicht die alten Gremien und Pläne, das ist nicht das lauwarme „Weiter So“, bei dem unser Herz auf Sparflamme köchelt.

Und da müssen wir hin: In der Gesamtheit unserer Pfarreien und unserer Gemeinschaft. Im Moment arbeiten wir alle mit angezogener Handbremse, stecken wahnsinnig viel Arbeit und Kraft in Projekte, bei denen am Schluss zum Teil minimale Ergebnisse rauskommen. Wo ist da der Schwung hin? Wo ist da Platz für Freude und Herzblut?
Himmelfahrt schickt uns raus aus dem Alten, zwingt uns dazu, die Augen wieder nach vorne zu richten und zu schauen, welcher Weg da vor uns liegt, statt nach oben zu starren und zu hoffen, dass da ein anderer für uns die Dinge in die Hand nimmt. Himmelfahrt schickt uns raus aus den bekannten Räumen und Routinen, und fordert uns, trotz aller Traurigkeit die das mit sich bringt, alte Lasten abzulegen und nicht auf Routinen, Programme und Gewohnheiten zu vertrauen, sondern viel tiefer zu gehen und zu sagen: Nicht zur Pflichterfüllung oder um eine Maschinerie am Laufen zu halten sind wir hier, sondern weil da ganz tief in uns drinnen ein Feuer lodert, voll Hoffnung und Begeisterung und es schreit in uns und durch uns in die Welt hinaus: Habt keine Angst davor, in dieser Welt, in dieser Pfarrei alles zu verlieren.  Denn die erste und wichtigste Erfahrung und Botschaft unseres Glaubens ist diese: Jedes noch so schlimme Ende, selbst der Tod, ist nichts weiter als nur ein neuer Anfang. Und aus jedem Schmerz, jeder Enttäuschung und jede Herausforderung, gegen die wir uns nicht unnötig anstemmen, sondern sie zulassen, werden wir gestärkt hervorgehen. Unsere Klage wird in Tanz gewandelt, unser Weinen in Lachen und wir alle, die wir im Moment wie gelähmt wirken, werden die großen Sprünge wagen können, die wir brauchen.

Es wird noch Zeit brauchen, das geht nicht von einem Tag auf den anderen. Aber es liegt an uns, raus zu gehen und in unsere Welt ein Zeichen zu setzen für das Miteinander und die Brücken, die wir aus unserem Glauben bauen können. Das Evangelium beschreibt entsetzte Menschen, die ihre Mitte verloren haben und endet hoffnungsvoll mit: „Sie aber zogen aus und predigten überall“.  Auch wir kennen diesen Schrecken und sind ihnen damit nahe. Es liegt an uns, in ihrer Nachfolge loszuziehen, und nicht Programme, Ordnungen und Gremien zu beschwören, sondern unseren Glauben in diese Welt hinauszutragen und so in allen Hass und alle Not hineinzuschreien: Liebt einander! Denn Glaube, Hoffnung und Liebe überwinden allen Zorn, alle Enttäuschung und allen Hass. Nicht leere Parolen und sinnlose Konzepte, sondern diese drei, Glaube Hoffnung und Liebe, brennen in unseren Herzen. Amen