St. Bonifatius Wiesbaden

Zeitzeugengespräch in St. Michael

Aus dem Leben der PfarreiBenjamin DahlhoffComment

Über das Gespräch mit Germaine Shafran im Rahmen einer Veranstaltung der Schulze-Delitzsch-Schule gegen Rassismus.

Über 200 Schülerinnen und Schüler der Schulze-Delitzsch-Schule lauschten am 4. Februar 2015 in der Kirche St. Michael gespannt den Schilderungen der 92-jährigen Germaine Shafran, die sehr authentisch über die Zeit der Judenverfolgung und ihre persönlichen Erfahrungen bei der Flucht nach Frankreich und Internierung während des Nationalsozialismus berichtete.

Germaine Shafran wurde 1923 als Inge Helga Kaufmann geboren; sie wuchs als kleines Mädchen wohlbehütet in Berlin-Charlottenburg auf und nahm Ressentiments gegen jüdische Schüler zunächst nicht wahr. Gleichwohl flüchtete die Familie 1933 nach Paris, wo sie auf betreiben des Vaters den Vornamen Germaine annahm. Doch hier lernte sie den „Hass in der Schule“ kennen. Detailliert schildert sie die „Panik am Anfang des Krieges“, die Ratschläge der Großmutter väterlicherseits, die sie zum Lernen ermunterte („Was Du im Kopf hast, kann Dir niemand wegnehmen“), und die schweren Zeiten, als der Vater schwer erkrankte und die Mutter plötzlich starb.

„Ich habe auch viel Glück gehabt“, sagt Germaine Shafran bei der vom Schülerprojekt des Clubs SOR (Schule ohne Rassismus) der Schulze-Delitzsch-Schule veranstalteten Gesprächsrunde. Zu dem Glück gehörten die gelungene Flucht aus einem Internierungslager, in das deutsche jüdische Flüchtlinge 1940 als „feindliche Ausländer“ gebracht wurden, die erfolgreiche Wiedervereinigung mit dem in einem anderen Lager eingesperrten Vater und schließlich, 1942, die Reise nach Amerika. „Gib niemals auf!“ lautet die Maxime der zweifachen Mutter, die 1970 nach Deutschland und nach Wiesbaden, wo ihr Vater einst tätig war, zurückkehrte. Das Credo ist gleichzeitig der Titel ihres 2010 veröffentlichten Buches, in dem sie ihr Leben Revue passieren lässt.

„Religion hat für mich in Frankreich keine Rolle gespielt“ beantwortete Shafran eine Frage aus dem Auditorium, auch wenn sie damals ganz gerne an einen „lieben Gott“ geglaubt hätte, von ihrem Vater jedoch eines Anderen belehrt worden sei. Germaine Shafran ist Gründungsmitglied des Aktiven Museums Spiegelgasse und wurde für die Förderung des Dialogs zwischen Christen und Juden im Jahr 2007 mit der Silbernen Bürgermedaille der Stadt Wiesbaden ausgezeichnet.

Wie gefährlich Ressentiments und Vorurteile gegen andere, gegen Fremde sind und wohin das führen konnte, haben die Schülerinnen und Schüler der Schulze-Delitzsch-Schule durch die Schilderungen von Frau Shafran hautnah miterlebt. Dass diese Themen nie erledigt sind, zeigt sich daran, dass Vorurteile und Fremdenhass wieder einmal an trauriger Aktualität gewonnen haben.

Aus diesem Grund hat sich die Schulgemeinschaft der Schulze-Delitzsch-Schule entschieden, an der Initiative SOR-SMC (Schule ohne Rassismus-Schule mit Courage) teilzunehmen, um mit vielen Projekten und Initiativen Vorurteilen, Gewalt und Intoleranz entgegen zu treten.
SOR-SMC ist eine Initiative von Schülerinnen und Schülern, die sich aktiv gegen jede Form von Diskriminierung einsetzen wollen. Es wird als aktuelles Projekt von Aktion Courage e.V. unterstützt. Der Verein fordert und fördert die gesellschaftliche Teilhabe und politische Mitbestimmung von Menschen (insbesondere) nichtdeutscher Herkunft. Eine Vielzahl von Ministerien, Ämtern, Behörden sowie Gewerkschaften sind Sponsoren dieses Vorhabens.
Das Zeitzeugengespräch war ein hervorragendes Forum, das Raum zum Nachfragen und zum Nachdenken gab. 

Der Gemeinde St. Bonifatius am Kirchort St. Michael, insbesondere Frau Lindemann und Herrn Pfeiffer, gebührt ein großes Dankeschön dafür, dass sie schnell und unkompliziert die Räumlichkeit zur Verfügung gestellt haben. Den Anwesenden danken wir für die zahlreiche und aktive Teilnahme sowie den Veranstaltern, insbesondere dem SOR-Club der Schulze-Delitzsch-Schule um Simone Breitsch und Susanne Claßen für die Organisation sowie natürlich Frau Shafran für ihr Erscheinen.

(Petra Hilbert)